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Rezension: Belletristik : Dunkelmänner unter virtuoser Lichtregie

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Für mich sind die größten Meisterwerke der Prosaliteratur des zwanzigsten Jahrhunderts in absteigender Rangfolge: Joyce' ,Ulysses', Kafkas ,Verwandlung', Belyjs ,Petersburg' und die erste Hälfte von Prousts Zaubermärchen ,Auf der Suche nach der verlorenen Zeit'." In einem Interview aus dem Jahr 1965 ...

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          Für mich sind die größten Meisterwerke der Prosaliteratur des zwanzigsten Jahrhunderts in absteigender Rangfolge: Joyce' ,Ulysses', Kafkas ,Verwandlung', Belyjs ,Petersburg' und die erste Hälfte von Prousts Zaubermärchen ,Auf der Suche nach der verlorenen Zeit'." In einem Interview aus dem Jahr 1965 teilte Vladimir Nabokov diese Bestenliste mit, an der nur eins erstaunt: daß Proust auf Platz vier verwiesen wird von einem Roman, der im Westen nie so recht im Kanon der Jahrhundertwerke ankam. Einen Grund dafür nennt Nabokov in seinen Vorlesungen über die russische Literatur: "Es wäre ein unsagbar schwieriges Unterfangen, sich ohne Kenntnis der Sprache mit Belyj zu beschäftigen."

          Um so mehr ist nun Gabriele Leupolds Neuübersetzung von "Petersburg" zu würdigen, der Ilma Rakusa im Nachwort eine geradezu "befremdliche" Nähe zum Original bescheinigt. Erst jetzt können deutsche Leser die experimentelle Kühnheit Andrej Belyjs (1880 bis 1934) entdecken. Den bisherigen Übertragungen lag die "Berliner Fassung" des Romans von 1922 zugrunde. Diese vom Autor selbst um ein Viertel gekürzte und sprachlich geglättete Version meinte Nabokov jedoch nicht, als er Belyj pries. Er meinte die "Siriner Fassung" von 1913/14, die nun überhaupt zum ersten Mal auf deutsch vorliegt, nicht zu spät, um das Werk als Meilenstein des modernen Romans zu bewundern.

          Die westliche Rezeption der russischen Romanliteratur, lange fixiert auf Tolstoi und Dostojewski, achtete wenig auf formale Errungenschaften jenseits des Realismus. Der Ästhetizismus des stark von Nietzsche und der Musik Wagners beeindruckten Belyj war dagegen nicht das, was man sich von der russischen Seele erwartete, auch wenn er etwas gänzlich anderes als ein Interesse an schönen Oberflächen bedeutet. "Petersburg" ist ein Großstadtroman von größter darstellerischer Radikalität; seine nervöse Energie spiegelt die Stimmung kurz vor der ersten russischen Revolution von 1905. Das Buch liest sich wie eine expressionistische Zuspitzung der unheilsschwangeren "Dämonen" Dostojewskis. Die Hirne junger Intellektueller und Apokalyptiker laufen heiß, in den Salons treffen Beamte auf Verschwörer, geheime Zirkel brüten welterlösende Mordanschläge aus. Die Revolution wird von Belyj in keinem Moment als politisches oder moralisches Phänomen begriffen. Versammlungen, Demonstrationen, Streiks und Attentate sind unter dem ästhetizistischen Blick nichts als blinde Erregungen und Zuckungen der Großstadt, die zum eigentlichen Helden des Textes wird: Petersburg, steingewordene Phantasmagorie, hybride Schöpfung eines einzigen Herrschers, Schnittstelle von Ost und West.

          Die Handlung ist leicht überschaubar. Ihre strukturelle Achse ist ein Vater-Sohn-Konflikt. Apollon Apollonowitsch Ableuchow ist ein hochrangiger Beamter des Zarenregimes. Sein programmatischer Name läßt sich im Sinne von Nietzsches Antithese verstehen: Ableuchow ist ein Vertreter westlich-"apollinischer" Ordnung. Den formlosen russischen Staat möchte er nach dem Vorbild der aus dem Sumpf errichteten Stadt straff organisieren. Die vorgelagerten Inseln und ihre proletarische Bevölkerung sieht er mit Ekel als Brutstätten des "asiatischen" Chaos, das er in seinen Ordnungsphantasien mit pfeilgeraden, rechtwinkligen Prospekten "durchschießt". Mit dem Sohn hat er das Chaos jedoch bereits im Haus. Nikolaj Ableuchow hat sein Zimmer im Stil eines dionysischen Exotismus eingerichtet, er pflegt Kontakte zu sozialistischen Kreisen. Irgendwann hat der überspannte, von einem monströsen Ödipus-Komplex geplagte "Hamletist" dort erklärt, er sei bereit, seinen Vater zu ermorden. Die leichtfertige Äußerung hat er längst wieder vergessen, als ihm von den Revolutionären in einer Sardinenbüchse die Bombe geliefert wird, mit der er seiner "Verpflichtung" nachkommen soll. Zwar schreckt er panisch vor der Tat zurück, stellt wie unter Zwang aber trotzdem schon mal den Zeitzünder ein.

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