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Rezension: Belletristik : Drei Herren im Ballon

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Von Bismarck ganz zu schweigen - Armand Hoog reist mit Victor Hugo · Von Eckart Kleßmann

          2 Min.

          Victor Hugo, ein erklärter Feind Napoleons III., war nach dessen Staatsstreich im Dezember 1851 ins Exil gegangen und lebte seit 1855 auf der Kanalinsel Guernsey. Sein Dasein als Emigrant teilten seine Ehefrau, seine Tochter Adèle, die Söhne Charles und François-Victor sowie der beständige Hausfreund Auguste Vacquerie. Zum Poetenhaushalt gehörten außerdem das Dienstmädchen Constance und - in getrennter Wohnung - die langjährige Geliebte Juliette Drouot. In den ersten beiden Jahren auf Guernsey veröffentlichte Hugo "Les Contemplations", eine Sammlung religiöser Gedichte, und schrieb große Teile von zwei weiteren geistlichen Dichtungen: "Dieu" und "La Fin de Satan".

          Es mag nicht überflüssig sein, sich dieser Fakten zu erinnern, denn Armand Hoogs Erzählung setzt ihre Kenntnis voraus, für einen französischen Autor kein Problem, für das französische Publikum vielleicht auch nicht, aber dem deutschen Leser ist Hugo heute kaum mehr als ein Name.

          Hoogs muntere Caprice beginnt Anfang November 1856, als ein Engländer namens Samuel Fergusson bei Hugo vorspricht und ihm ein Handschreiben von Queen Victoria überreicht mit der Einladung zum Dinner in Buckingham Palace. Nun ist England zu dieser Zeit Bündnispartner Frankreichs im Krimkrieg, und die britische Verwaltung hatte erst 1855 Hugo aus seinem früheren Exil Jersey ausweisen lassen. Wie reimt sich das zusammen?

          Ganz einfach: durch die Phantasie des Poeten Hoog, dem die historischen Fakten als Flugplatz dienen, auf dem Fergusson mit seinem Ballon abhebt zum Flug nach London, an Bord Victor Hugo, der im geräumigen Korb des Luftgefährts noch einen Reisebegleiter vorfindet, einen gewissen Jules Verne, der so gerne Schriftsteller werden möchte. Und da die Luftströmungen sehr rasch den Ballon seinem Steuermann entziehen und es daher mit der Landung am Buckingham Palace später wird als geplant, gibt es Raum für Konversation und Kontemplation. Das Dinner bei der Königin besteht neben den kulinarischen Freuden aus harmlosem Geplauder, und der Rückflug zeigt uns den Dichter des "Dieu" von erhabenen Gedanken beflügelt und bereit zu guten Ratschlägen an den werdenden Dichter Jules Verne, der ihm gesteht, sich aus Frauen nichts zu machen: "Das Dumme beim Theater ist, daß man Liebesgeschichten einflechten muß." Hugos Antwort: "Dann, lieber Freund, ist Ihr Weg eindeutig vorgezeichnet. Theater ohne Frauen, Ballons ohne Frauen - dann wählen Sie besser die Ballons. Oder die Gleitsegler, die Tauchboote, den ganzen Krempel."

          Man habe, so Fergusson, schon einmal mit dem Ballon einen bedeutenden Flug unternommen, als es galt, einen Säugling nach Mähren auszufliegen, den eine Hofdame unstatthaft zur Welt gebracht habe. Aus einem Monolog der Königin erfahren wir auf den letzten Seiten, daß sie selber die Kindsmutter war, geschwängert von einem blonden preußischen Diplomaten namens Bismarck im Ballon (gleichfalls) hoch über den Wolken. Das Kind habe man dann im mährischen Freiberg von einer Familie Freud adoptieren und ihm den Vornamen Sigmund geben lassen.

          Dieser Einfall, so jubelte der Literaturkritiker von "Le Monde", sei allein schon "dieses Buch und die Reise wert". Wirklich? Victor Hugos Ballonfahrt zum Dinner mit Queen Victoria ist eine hübsche Idee, die fiktiven Dialoge mit Jules Verne viertausend Fuß über dem Ozean haben durchaus Witz, und die aus der Verbindung von biographischen Fakten und ausschweifender Phantasie geborenen Einfälle sind nicht ohne Charme. Aber das groteske Schlußtableau opfert diesen Reiz und mündet in einen Ulk. Man kann ihn mögen oder auch nicht.

          Armand Hoog: "Victor Hugo bei Queen Victoria". Posse. Aus dem Französischen übersetzt von Claus Sprick. Haffmans Verlag, Zürich 1996. 142 S., geb., 32,- DM.

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