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Rezension: Belletristik : Dolli im Nordlicht

  • Aktualisiert am

In Island mit Einar Gudmundsson / Von Sabine Doering

          Der Eindruck, daß die Bevölkerung Islands zum großen Teil aus Kunstmalern und Geisteskranken besteht, scheint angesichts der Geschichte, die Einar Már Gudmundsson in seinem neuen Roman erzählt, nicht ganz von der Hand zu weisen. Denn hierzulande weiß man wenig von dieser Insel der Nordländer, erst recht kennt man kaum ihre Literatur - aber ob man einem Dichter, der von seiner Heimat spricht, vertrauen kann? Der vierundvierzigjährige Gudmundsson hat es offenbar ein bißchen schwer mit seiner Insel. Er schildert sie aus der Perspektive des jungen, empfindsamen Träumers Páll, der sich für eine Wiedergeburt Paul Gauguins und Vincent van Goghs hält.

          Geboren wurde Páll 1949, am Tag von Islands NATO-Beitritt, und durch dieses politische Ereignis sieht er sein kurzes Leben schicksalhaft geprägt. In einer Zeit rasanter gesellschaftlicher Veränderungen verliert der Heranwachsende die Orientierung. Zwar reizt ihn die rauhe Welt der Einsiedler, bei denen er seine Ferien verbringt und in der Heldentaten, wie sie die alten Sagas erzählen, noch immer möglich scheinen. Pálls Familie jedoch lebt in Reykjavik. Dort hat er das Gymnasium besucht, solange es seine labile Verfassung zuließ, und die Helden seiner Träume sind keine Recken, sondern heißen Frank Sinatra und Marilyn Monroe.

          Gudmundsson läßt Páll die nicht untypische Geschichte seiner Jugend erzählen. Auf dem Land wollen diese jungen Isländer der fünfziger und sechziger Jahre nicht mehr leben, sondern hoffen darauf, als Autohändler oder Rockmusiker ihr Glück zu machen. Viele zieht es hinaus in die Welt. Immer wieder berichtet Páll von den Aufbrüchen seiner Altersgenossen übers Meer, doch die wenigsten von ihnen haben Erfolg. Páll selbst findet keinen Weg aus der Enge seiner Heimat. Überall ist die mächtige Gegenwart der Irrenanstalt Kleppur zu spüren, die bedrohlich an der Küste aufragt und die Anwohner in ihren Bann schlägt. Selbst auf den Bildern des Landschaftsmalers Bergsteinn wirkt sie noch so furchterregend, daß sich niemand ihren Anblick ins Wohnzimmer hängen will. In diesem Bau verbringt Páll einen großen Teil seines Lebens. Von allen Seiten fühlt er sich bedroht, in Kleppur jedoch findet er Freunde, deren Verrücktheiten ihm nicht ungewöhnlicher sind als die täglichen Wetterumschwünge. Der "Kaiser des Nordlichts" wohnt hier neben einem "Adolf Hitler", der sich harmlos "Dolli" nennt, und der liebenswürdige Pétur ist nicht von der beharrlichen Suche nach seiner Doktorarbeit abzubringen, die er in China verfaßt haben will.

          Gudmundsson schildert die Verrückten, die den schmalen Grat zwischen Normalität und Wahnsinn überschritten haben, mit großer Anteilnahme. Der Roman ist dem Andenken seines Bruders gewidmet, dessen Leben offenkundig ähnlich verlief wie dasjenige Pálls, der sich von den vielen Stimmen im Kopf schließlich durch den Sturz aus dem Fenster befreit. Aber persönliches Mitgefühl und literarische Glaubwürdigkeit sind zweierlei. Die knappen, mit lyrischen Bildern durchwobenen und in ihrer Kargheit wohlkalkulierten Sätze entspringen kaum der Psyche eines Wahnkranken, der sein Leben von unsichtbaren Feinden bedroht glaubt. Besonders problematisch sind Passagen, in denen Páll sich selbst die Diagnose stellt. Nüchtern analysiert er sich als geisteskrank, hat für seinen Zustand sogar die passende Klassifizierung "Schizophrenie" parat. Das ist die Sprache eines Mediziners, nicht die eines Verzweifelten, für den Selbstmord der einzige Weg aus der inneren Qual ist.

          Mit diesem Roman will Gudmundsson vieles, womöglich zu viel auf einmal. Er möchte Verständnis für die "Irren" wecken, seine Leser in den Sog des Wahnsinns hineinziehen und zugleich die rückständigen Behandlungsmethoden einer Psychiatrie anprangern, die ihre Patienten brutal züchtigt und mit Medikamenten ruhigstellt. Mehrfach überschreitet Páll die engen Grenzen seiner wahnhaften Welt, um über den Umgang der Gesellschaft mit ihren Verrückten zu räsonieren. Dem mag der Wunsch des Autors zugrunde liegen, den Geisteskranken eine eigene Stimme zu geben; überzeugend ist das jedoch nicht.

          Mit der Schilderung von Páll und seinen Freunden versucht Gudmundsson nicht nur, Sympathie für das Schicksal eines Sonderlings zu erwecken, er entwirft auch das Psychogramm einer Generation, die sich im eigenen Land nicht mehr zurechtfindet. Isländische Leser scheinen sich darin stärker wiederzuerkennen, als es Außenstehenden möglich ist. "Engel des Universums" wurde in Reykjavik jedenfalls zum Roman des Jahres 1993 gekürt.

          Einar Már Gudmundsson: "Engel des Universums". Roman.Aus dem Isländischen übersetzt von Angelika Gundlach. Carl Hanser Verlag, München und Wien 1998. 196 S., geb., 36,- DM.

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