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Rezension: Belletristik : Diese lächerliche Sache Literatur

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"Senilità", dessen deutsche Übersetzung bislang unter dem Titel "Ein Mann wird älter" bekannt war und der jetzt in komplett neuer Übersetzung von Barbara Kleiner unter dem Originaltitel bei Manesse neu herausgegeben wird, ist der Roman an der Schnittstelle zwischen Industriellen- und Schriftstellerexistenz, zwischen Ettore Schmitz und Italo Svevo. Als er begann, den Roman zu schreiben, lebte er noch als kleiner Bankangestellter auf der untersten Stufe der bürgerlichen Berufsleiter. Er hatte den Niedergang der Firma seines Vaters, der diesen auch körperlich zugrunde richtete, aus der Ferne eines deutschen Internats miterlebt, er war Teil einer Unglücksfamilie, die nicht nur ihren gesellschaftlichen Niedergang, sondern auch private Unglücks- und Todesfälle in kaum glaublicher zeitlicher Dichte und Drastik zu erleiden hatte. Erst durch die Heirat in die aufsteigende Glücksfamilie der Venezianis, die die weltweit einmalige Geheimformel für muschel- und algenabweisende Schiffsrumpfanstriche besaß, wechselte Italo Svevo die Seiten des Schicksals.

"Senilità" ist in diesem Sinne ein Abschiedsroman. Sein kläglicher Held, der Versicherungsangestellte Emilio Brentani, lebt ein Schattenleben am Ende des 19. Jahrhunderts in Triest. Fünfunddreißigjährig hält er sich für einen jungen Mann, der sein ganzes Leben noch vor sich hat. Seinen eingebildeten Ruhm glaubt er durch die Veröffentlichung eines in Wahrheit unbeachteten Romans erworben zu haben, er lebt dahin, beobachtet sich und das Leben um ihn her und ist selbst daran nicht beteiligt. Um das Bild des eigenen Lebens etwas zu verschönern, beschließt er, sich auf eine Liebesaffäre mit Angiolina einzulassen, einer sogenannten "Frau aus dem Volk" mit höchst zweifelhaftem Ruf. Nein, nicht wirklich einzulassen. Er beschließt, eine Art Liebesaffäre zu spielen. Der Roman beginnt: "Gleich mit den ersten Worten, die er an sie richtete, wollte er ihr klarmachen, daß er nicht vorhatte, sich auf eine allzu ernsthafte Beziehung einzulassen." Doch es wird anders kommen. Der selbstzufriedene Lebensschauspieler Emilio Brentani wird aus seinem Selbstbetrachtungsstuhl gerissen und ins Leben geworfen. Er verliert den Halt, den er in einer erstarrenden Mischung aus Gleichgültigkeit und Selbstironie gefunden hatte. In einem Leben ohne Erlebnis. Denn in einem solchen Leben "ohne jeden tieferen Gehalt, konnte selbst eine Angiolina tiefere Bedeutung gewinnen". Und sie gewinnt Bedeutung, beherrscht schließlich sein ganzes Leben. Es geht abwärts mit Emilio Brentani.

In einer ebenso einfachen wie kunstvollen Konstruktion läßt Italo Svevo in diesem meisterlichen Niedergangsroman vier Personen ihre Gegensatzrollen spielen. Amalia, die graue und lebensschwache Schwester Emilios, wird durch die Liebe zu Stefano Balli, durch Drogen und durch den für die Seele schädlichen Besuch einer Wagner-Oper den Tod finden. Der Künstler Balli, Freund Emilios, und Angiolina sind Lebens-Lebende, die sich nicht durch krankmachende Selbstbetrachtung am Leben hindern. Die vier spielen ein manisches Untergangsspiel am Ende des Jahrhunderts, aus dem sich Emilio schließlich in höchster Not zurück in die alte, gleichgültige Selbstbetrachtungsnische flüchten kann. "Und er zehrte davon, wie ein alter Mann von der Erinnerung an seine Jugend."

Svevo seziert die Angestelltenpsyche des müden Mittdreißigers erbarmungslos bis ins kleinste Lebensdetail. Er kennt sie. Es war seine eigene.

Thomas Mann, dessen frühe Niedergangsbücher eine tiefe innere Verwandtschaft mit den Romanen Italo Svevos haben, schrieb im Jahr 1911 in einem Text über den Dichter Adelbert von Chamisso: "Chamisso, nachdem er aus seinem Leiden ein Buch gemacht, beeilt sich, dem problematischen Puppenstande zu entwachsen, wird seßhaft, Familienvater, Akademiker, wird als Meister verehrt. Nur ewige Bohemiens finden das langweilig. Man kann nicht immer interessant bleiben. Man geht an seiner Interessantheit zugrunde oder man wird ein Meister."

Italo Svevo ist nicht zugrundegegangen. Ihm gelang während der Niederschrift seines zweiten Romans die Flucht, die Rettung in die fassadenhafte Industriellenexistenz. Svevo ist ein Meister geworden. Und mit "Senilità" hat er sein Meisterstück geschrieben.

VOLKER WEIDERMANN

Italo Svevo: Senilità. Neu übersetzt von Barbara Kleiner. Manesse 2002. 443 Seiten. 19,90 [Euro]

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