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Rezension: Belletristik : Diebe im Sarkophag

  • Aktualisiert am

Gustaw Herlings Historien / Von Ralf Konersmann

          Eine Novelle, schreibt Benedetto Croce in seinen "Storie e leggende napolitane" (Geschichten und Legenden aus Neapel), sei um so heiterer, je ernsthafter ihr Ton ausfalle. Genauigkeit und Realismus seien um so größer, je mehr Lächeln in ihr liege. Croces Beispiel ist eine Novelle Boccaccios, die auch Gustaw Herling in seiner Erzählung "Der Ring" aufgreift. Boccaccio hatte von dem Pferdehändler Andreuccio erzählt, der mit gefüllter Börse nach Neapel kommt, um einige prächtige Tiere günstig zu erstehen. Doch bevor er sein Geschäft machen kann, wird er ausgeraubt. Zwei Halunken überreden daraufhin den halbnackt Umherirrenden, das Grab des eben beigesetzten Erzbischofs von Neapel zu öffnen und einen Rubinring zu stehlen. Von seinen Komplizen bedrängt, steigt Andreuccio in den Sarkophag und greift nach dem Ring. Seinen Begleitern aber erklärt er, den Ring nicht finden zu können, und reicht ihnen die Mitra und die Gewänder. Währenddessen schleichen andere Diebe heran und treiben die betrogenen Komplizen in die Flucht. Regungslos sitzt Andreuccio neben dem Leichnam. Als einer der neuen Diebe - wie Boccaccio überliefert: ein schändlicher Priester - in den Sarkophag steigt, spürt er plötzlich eine Bewegung. Schreiend stürzt er davon, seine Gefährten eilen ihm nach. Andreuccio aber nimmt den Ring, der bedeutend wertvoller ist als die ihm tags zuvor gestohlene Summe, und kehrt in seine Heimatstadt Perugia zurück.

          Herlings literarische Vorlieben lassen rasch begreiflich werden, weshalb Boccaccios Novelle diesen polnischen, seit vielen Jahren in Italien lebenden Schriftsteller faszinieren mußte. Zunächst einmal spielt sie in Neapel wie fast alle Erzählungen Herlings. Überdies läßt sie in charakteristischer Weise offen, ob sie wahr ist oder erfunden. Herling selbst schürt den Zweifel, indem er eine Erzählvariante anbietet. Nach dieser Version, die während der Bombennächte des Jahres 1943 spielt, dringt der ehemalige Kirchendiener von San Egidio in die Krypta des Gotteshauses ein und stiehlt den Ring des dort beigesetzten Erzbischofs. Er verletzt sich jedoch schwer und bricht, kurz vor Erreichen der Straße, in der einsturzgefährdeten Kirche zusammen. Fast leblos, in einer Blutlache liegend, findet ihn am nächsten Morgen ein spielendes Kind. Er wird gerettet, läßt sich aber nie wieder in Neapel blicken.

          Ist es so gewesen? Könnte es so gewesen sein? Herling beruft sich auf Ohrenzeugen, doch sein Hauptaugenmerk gilt nicht den rekonstruierbaren Tatsachen. Was ihn interessiert, ist die "innere Logik" der Geschichte, jenes Gleichgewicht von Heiterkeit und Ernst, das ihre Wahrhaftigkeit ausmacht. Aufschlußreich ist das Motiv, das die historische mit der modernen Erzählversion verbindet: das Funkeln des Ringes. Herling deutet es als Metapher für die künstlerische Achtung vor dem Rätsel. Dunkel und rätselhaft ist der Gang der Welt, sagt er. Ohne dieses Funkeln würde sie in Nichts vergehen.

          Herling ist ein Geschichtensucher. Seine kompositorische Virtuosität und Ausdrucksstärke verdanken sich einem feinen Gespür für die Wirkmächtigkeit des Ondit und der Legende, und man kann sagen, er berichte durchweg "aus zweiter Hand". Erlebtes und Gehörtes, Zeitungsmeldungen und Dorfklatsch - das sind seine Quellen. Indessen verliert seine Prosa dadurch nicht im mindesten an Eindringlichkeit, im Gegenteil. Die innige Verbindung, die Herlings Erzählungen mit ihren Stoffen eingehen, läßt die Unterscheidung zwischen Geschehenem und Gesagtem, zwischen Welt und gedeuteter Welt, hinfällig werden.

          In "Ugolone da Todi" zeichnet Herling das Porträt eines philosophischen Systembauers, der für menschliches Leid, für Schuld und Scham, für Schande und Verdammnis kein Empfinden und keine Sprache besitzt. Die Karikatur des Dottore Begriffo ist mit bitterem Witz gezeichnet, doch der Text fällt hinter die übrigen zurück. Satire ist Herlings Sache nicht. Formuliert der Satiriker zweideutig, um Eindeutigkeit zu erzielen, so wählt der Erzähler den entgegengesetzten Weg.

          Herlings eigene Erzählungen sind dafür das beste Beispiel. In ergreifenden Bildern geben sie dem Bösen Gestalt. Der moderne Erzähler folgt Boccaccio in den schwer zu durchdringenden Grenzbereich, in dem Ernst und Heiterkeit nebeneinander bestehen. Ebenso weit entfernt von ethischer Indifferenz wie von der "Sekte der Gerechten" und der "Supersekte der Auserwählten", ringt er um die Haltung moralischer Integrität: angesichts des Terrors der Schwarzhemden, angesichts der Erdbebenopfer von Tora Alta, angesichts der Greueltaten von Gorazde. Die Unabweisbarkeit des Bösen und des Leids ist der gemeinsame Bezugspunkt dieser Geschichten aus Geschichten. Allesamt erwidern sie auf den ungeheuerlichen Satz aus Goyas "Desastres de la guerra", dem sie sich stellen, ohne ihn widerrufen oder auch nur abschwächen zu wollen: "Para eso habeis nacido - Dazu hat man euch in die Welt gesetzt."

          Gustaw Herling: "Das venezianische Porträt". Erzählungen. Ausgewählt und aus dem Polnischen übersetzt von Nina Kozlowski. Carl Hanser Verlag München, Wien 1996. 303 S., geb., 39,80 DM.

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