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Rezension: Belletristik : Die Wetterau-Fragen

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Andreas Maiers großes Debüt "Wäldchestag" · Von Hubert Spiegel

          5 Min.

          In der Wetterau ist der Mensch dem Menschen ein Rätsel. Zwei Fragen sind es, die der Wetterauer dem Wetterauer stellt. Die eine - Was ist das eigentlich für einer? - stellt er heimlich, im stillen, ganz für sich allein, die andere - Was glaubt der eigentlich, wer er sei? - stellt er laut und fast immer in Gesellschaft. Nicht selten stellt er sie in geradezu dröhnender Lautstärke, und mitunter haut er dabei mit der Faust auf den Tisch, um sein ganzes Interesse an ihr zu unterstreichen. Die eine Frage stellt er in der eigenen Kammer, die andere mit Vorliebe im Gasthaus. Die erste Frage bedrängt den, der sie stellt, die zweite jenen, dem sie gestellt wird.

          Der Wetterauer geht nicht den Dingen, wohl aber den Menschen gern auf den Grund, und wenn er dabei unversehens ins Bodenlose fällt, wundert er sich, wie ihm nun das wieder passieren konnte. Und schon denkt der Wetterauer über sich selbst nach, und wenn er nur recht über sich selbst nachdenkt, wird der Wetterauer sich selbst mit einem Mal ganz unverständlich, und der Riß, der durch die Welt geht, tritt in der Wetterau ganz offen zutage, unübersehbar geht der Riß durch die Wetterau und durch den Wetterauer selbst, der darüber ganz melancholisch wird, aber auch in einen Zorn hinein gerät und in große Verwirrung. In dieser Verwirrung beginnt der Wetterauer zu reden, was das Zeug hält. Wenn er jung ist, redet er über sich selbst. Wenn er älter ist, redet er über andere. Und dieses gemeinsame, ununterbrochene Gerede schwillt an, bis es mächtig wird in der ganzen Wetterau, mächtig bis nach Frankfurt und über Frankfurt hinaus, mächtig bis ans Ende der Welt, wo noch niemand war, das der Wetterauer aber irgendwo in Südhessen vermutet.

          Daß selbst hier, am Ende der Welt, heute jedermann wissen kann, wie es zugeht in der Wetterau, verdanken wir dem ersten Roman von Andreas Maier, gebürtig im Jahr 1967 in Bad Nauheim, einem unbedeutenden Nachbarort jenes Butzbach, das Thomas Bernhard in seinem Drama vom "Theatermacher" unsterblich gemacht hat, auch wenn er aus Gründen der Butzbach-Freundlichkeit den ersten Buchstaben wegließ und milde von Utzbach sprach - "Utzbach wie Butzbach". Wer sich je gefragt hat, wie wohl das Publikum aussehen mag, das der Theatermacher Bruscon haßt und verachtet und braucht und liebt und das in Bernhards Stück den Saal im Utzbacher Gasthaus "Zum Schwarzen Hirschen" fluchtartig verläßt, noch bevor der Vorhang sich gehoben hat, muß Maiers Debütroman "Wäldchestag" lesen.

          Wie Bernhards Utzbacher gehen auch Maiers Wetterauer kaum je ins Theater, und wenn, dann höchstens aus Niedertracht der Schauspielkunst gegenüber, sie brauchen das Theater nicht, denn sie sind das Theater, eine Menschheitskomödie, die naturgemäß auch eine Tragödie ist. Bei Maier beginnt sie mit der Beerdigung des alten Adomeit, eines Einzelgängers und Sonderlings, am Pfingstsonntag und endet mit dem Nervenzusammenbruch des jungen Florstädter Taugenichts Anton Wiesner am Wäldchestag, dem Dienstag nach Pfingsten, den man in Hessen traditionellerweise essend, trinkend und schwatzend in der freien und wehrlosen Natur verbringt, im Wäldchen eben. Zwischen beiden Ereignissen liegen Leichenschmaus und Testamentseröffnung, Intrigen und Familienstreitigkeiten, Liebesgeschichten und Besäufnisse, liegen also jene drei Tage, von denen der Roman erzählt, und zwar auf eine Weise erzählt, daß man dem Debütanten zwei Fragen stellen möchte, die beiden Wetterau-Fragen nämlich: Was ist Andreas Maier wohl für einer? Und was glaubt er eigentlich, wer er sei?

          Was ist das für einer, der einen ganzen Roman im Konjunktiv erzählt, der wild die Perspektiven wechselt, der seinen Figuren ohne jede Scham in die Köpfe hineinleuchtet, aber seine Leser im unklaren darüber beläßt, wer es eigentlich ist, der hier die Taschenlampe hält? Der eine ganze Ortschaft, das an und für sich nicht weiter bemerkenswerte Nieder-Florstadt nämlich, in einen Rausch aus Tratsch und Gerüchten, Mirabellenschnaps und Apfelwein, Neid und Verleumdung, Mißgunst und Klatschsucht stürzt und die irrwitzigen Gesprächs- und Gedankenprotokolle dieser drei Tage am Ende als Bericht "zur Vorlage an die Kommission zur Bewilligung von Kuren auf Beitragsbasis der hiesigen Kassenstelle" deklariert?

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