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Rezension: Belletristik : Die Verheimlichung einer Schlange

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Juan Goytisolo berichtet von vergessenen Fronten und sucht ein Bekenntnis / Von Hans Scherer

          4 Min.

          Es dauerte fast zehn Jahre, bis die zweibändige Autobiographie von Juan Goytisolo auf deutsch erschien. Der 1985 zuerst in Spanien und Frankreich erschienene erste Band kam 1994 heraus; den zweiten Band von 1986 legt der Hanser Verlag erst in diesem Herbst vor. Das ist einerseits verdienstvoll, denn die Bücher werden in diesem Jahr kaum mehr deutsche Leser finden als vor zehn Jahren, aber es ist andererseits auch traurig. Denn es zeigt, mit welch oberflächlicher Aufmerksamkeit der von der Kritik regelmäßig gelobte Autor in Deutschland behandelt wird.

          In den beiden Bänden der Autobiographie spielt die angehaltene, dann wieder vorangetriebene und stets seltsam hinkende und schlingernde Zeit die eigentliche Hauptrolle. Die Bücher sind mit Bedacht verspätet geschrieben und verspätet erschienen, in Deutschland aber sogar mit doppelter Verspätung, so daß der Leser zuweilen den Atem anhält: Wie kann er heute so etwas schreiben? Bis man sich klarmacht, er hat es nicht heute geschrieben. Die Zeit vielmehr, von der er erzählt, war schon damals eine vergangene Gegenwart, die heute längst zu Geschichte zerronnen ist. Er liefert gleichsam Kriegsberichte von Fronten, an die sich keiner mehr erinnert.

          Spanischer Katholizismus, spanischer Bürgerkrieg, Franco-Regime sind die drei Schlüsselwörter, die die Biographie Goytisolos bestimmen. Das Schicksal wird er vermutlich mit den meisten Spaniern teilen. In den fünfziger und sechziger Jahren galt die "spanische Frage" im Nachbarland Frankreich als eine Art Mode unter Intellektuellen - spanische Literatur, spanische Geschichte, auch die Hilfe für die vielen spanischen Exilanten und Emigranten. Der Erfolg Jorge Semprúns in Frankreich war bezeichnend für die Stimmung. Ein Film wie "La guerre est finie" etwa konnte nicht spanisch, sondern mußte französisch sein. In Deutschland stand man indessen der "spanischen Frage" etwas hilflos gegenüber, fast desinteressiert, weniger aus Gleichgültigkeit, sondern in der Erinnerung an die eigene Verstrickung und an weit schlimmere Verbrechen, als sie in Spanien geschahen. Die zweibändige Autobiographie Goytisolos ist nicht nur eine private Bestandsaufnahme, sondern eine europäische.

          Wie im ersten Band, "Jagdverbot", finden sich auch im zweiten Band, "Die Häutung der Schlange", wieder brillant geschriebene Passagen eines verzweifelten, selbstquälerischen Bekenntnisses, einer mühsam gebändigten Leidenschaft. Wie im ersten Band begeistern den Leser auch im zweiten lange Strecken einer ungewöhnlich konzentrierten, dichten, geschlossenen Prosa. Nur in einem Punkt unterscheidet sich der zweite Band grundsätzlich vom ersten: Es fehlt ihm an Stoff. Der Autor, der sich zu Beginn des Berichts gerade als jugendlicher Intellektueller in Paris niedergelassen hat, hilft sich über die Stofflücken durch ein Name-Dropping hinweg, wen er getroffen und mit wem er gesprochen hat, von Marguerite Duras bis Roland Barthes und von Simone de Beauvoir bis Jean Genet. Er betet ganze Listen sogenannter Prominenter herunter. Aber es spricht auch wieder für seine besessene Ehrlichkeit, daß er nach einiger Zeit - das heißt, nach ein paar Jahren - die ganze "Bande" aus seinem Haus und seinem Kopf verjagt. Er hat eingesehen, sie, die Prominenten, haben ihn im Leben nicht weitergebracht.

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