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Rezension: Belletristik : Die vergorene Heimat

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          4 Min.

          Die letzte Welt und der letzte Mensch - das ist das große Doppelthema, dem der Erzähler Christoph Ransmayr zwei denkwürdige Paraphrasen abgewann: seine Ovid-Recherche "Die letzte Welt" (1988) und den Roman "Morbus Kitahara" (1995). In beiden Büchern schreibt der Dichter sich in Endzeiten hinein. Das Zurück in eine kollabierende Antike wird überboten durch das durch eine Art Morgenthau-Plan bewirkte "Zurück in die Steinzeit". "Die letzte Welt" erregte große, auch internationale Resonanz. "Morbus Kitahara", weniger euphorisch aufgenommen, hielt zumindest Ruf und Namen dieses epischen Apokalyptikers im Bewußtsein.

          Von diesem Autor, der bedachtsam und überaus skrupulös arbeitet, ist nicht gleich wieder ein neuer Roman zu erwarten. Sein Verlag hat seine eigenen Sorgen. Er tut etwas für seinen Autor und präsentiert uns zwei neue Bücher. Zunächst ein Materialienbuch, das nicht bloß Nachdrucke bringt, sondern auch interessante Originalarbeiten, dazu Interviews und Preisreden. Aus einem klugen Essay habe ich mir die Vokabel "katastrophil" gemerkt. Und in einem der Interviews bekennt Ransmayr unverblümt, er sehe keinen Unterschied zwischen dem journalistischen und dem literarischen Schreiben: "Das Erzählen ist untrennbar und unteilbar."

          Das führt direkt zum zweiten Buch. Es heißt "Der Weg nach Surabaya" und ist weniger exotisch, als sein Titel vermuten läßt. Es eine Nachlese zu nennen mag lieblos klingen, trifft aber die Sache. Es liefert nämlich - in genauer Auswahl - Ransmayrs Gesellenstücke und präsentiert einen Autor, der in der ersten Hälfte der achtziger Jahre jene Organe mit Auftragsarbeiten belieferte, in denen er auch gewisse Motive seiner Romane ausprobieren konnte. Wir dürfen annehmen, daß auch der Reporter Ransmayr von der Unteilbarkeit des Erzählens Gebrauch macht.

          Wochenlang, so bekundet er, habe er über dem Anfang einer Reportage gesessen - die dann folgendermaßen beginnt: "Es war ein dünner, panischer Gesang. Wenn das Gebirge leiser wurde, schwächer die Windstöße über den Geröllhalden und Felsabstürzen und eine emporrauchende Nebelwand auch das Getöse der Großbaustelle Limberg zu einem fremden Dröhnen dämpfte, dann hörte man diesen Gesang. Es war das Todesgeschrei der Ratten . . ." Die Redakteure des Merian-Hefts hatten eine Reportage über Kaprun, über den Bau des riesenhaften Wasserkraftwerks in den Salzburger Alpen, in Auftrag gegeben. Sie bekamen sie. Doch dazu ein Stück Prosa, das den Vergleich mit großen Vorbildern herausfordert.

          Die Eingangsszene, in der sich Hunderte von Ratten, vom einflutenden Wasser aus den Ruinen eines Arbeitslagers vertrieben, auf einen Feldkegel zurückziehen und dort zugrunde gehen, erinnert an jene Passage aus dem "Chandos-Brief", in der von den vergifteten Ratten die Rede ist. Hofmannsthal vergleicht den "Todeskampf dieses Volks von Ratten" mit der Zerstörung von Alba Longa, mit dem brennenden Karthago und eine Rattenmutter gar mit der erstarrenden Niobe. Ransmayr verläßt sich auf die Kraft des bloßen Bildes. Man begreift aber, welcher Tradition sich gewisse Szenen in der "Letzten Welt" verdanken. Ovids Rede über die Pest von Aegina etwa beschwört die Ameisenvölker, die nach dem Verstummen des letzten Menschen die Herrschaft übernehmen.

          In Reportagen darf der Apokalyptiker die Welt nicht unter Feuer oder Wasser setzen, aber er führt uns wenigstens auf eine Hallig, die immer noch von Überflutung und Unterspülung bedroht ist. Und er referiert offenbar zustimmend, daß die Bewohner die Einführung von elektrischem Licht und frischem Wasser für einen Fortschritt halten. Der "Katastrophile" ist eben doch auch ein Menschenfreund. Vielleicht gar ein Aufklärer.

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