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Rezension: Belletristik : Die Stunde kurz nach Null

  • Aktualisiert am

Keine Zeit für Helden: Dieter Fortes Roman "In der Erinnerung"

          3 Min.

          Dieter Fortes Romantrilogie ist komplett. In seinem neuen Band "In der Erinnerung" erzählt er die schon im Roman "Das Muster" (1992) begonnenen und im Band "Der Junge mit den blutigen Schuhen" (1995) fortgesetzten Familiengeschichten der aus Italien stammenden Fontanas und der aus Polen ins Ruhrgebiet eingewanderten Bergarbeiterfamilie Lukacz zu Ende. Wurden die ersten Jahrhunderte der Familiensaga mit Siebenmeilenstiefeln durchschritten, so stehen die beiden letzten Bände unter dem Gesetz zunehmender zeitlicher Konzentration.

          Zur Erinnerung: Die Seidenweberfamilie italienisch-hugenottischer Herkunft ist seit der Hoflieferantenzeit in der Residenzstadt Düsseldorf auf die abschüssige Bahn geraten und bringt sich mehr schlecht als recht im Stadtviertel Oberbilk, dem sogenannten "Quartier", durch die ersten Jahre des "Dritten Reiches". Die Fontanas haben aus dem Süden ein Savoir-vivre mitgebracht, das sich zu fröhlicher rheinischer Lebenskunst umschmelzen ließ, und so changiert anfangs das Personal des Romans zum Humoristischen hin. Der Großvater des Jungen, aus dessen Perspektive erzählt wird, posiert gern als Privatgelehrter, der Vater ist ein Hansdampf in allen Gassen, und Tante Elisabeth versäumt über lauter attraktive Verlobungen das Heiraten.

          Ihren soliden Kern hat die Familie in der Mutter, in Maria, dem Kind aus einer Zechenkolonie in Gelsenkirchen. Was sie, zumal dann im Krieg, so widerstandsfähig macht, sind polnisch-katholische Frömmigkeit und ein untrüglicher Realitätssinn. Fortes Erzählen erreicht seinen Höhepunkt in den Kapiteln über den Bombenkrieg. Die zerstreute Familie trifft am Weihnachtsabend des Jahres 1945 wieder in Düsseldorf zusammen.

          Der Anfang des dritten Romans wird zum Scharnier. Der Leser folgt dem Blick des Jungen auf die Silhouette der untergegangenen Stadt. Wie Dieter Fortes Sprache im vorhergehenden Roman das Inferno der Bombennächte mit machtvollen Bildern zurückholt, so hier das Grauen einer abgestorbenen Zivilisation, der Rückkehr in das Höhlendasein. Düsseldorf ist wie ein Ort ohne Zeit, wie vor der Erschaffung der Welt.

          Wo sich in den Ruinen zwischen den Skeletten der Häuser Leben regt, stößt es auf die Gesetzlosigkeit des Chaos. Über die Verteilung der wenigen Güter bestimmen die großen Banden - Banden aus untergetauchten Soldaten und holländischen SS-Männern, aus nicht heimkehrwilligen russischen Kriegsgefangenen und polnischen Zwangsarbeitern -, die Jugendgangs und die Schieber des Schwarzmarkts. Auch die britische Militärpolizei bekommt diesen Dschungel nicht unter Kontrolle. Die Nichtkorrumpierten irren durch ein Labyrinth ohne Ausgang. "In der Erinnerung" - dieser Titel des Romans wirkt angesichts des horrenden Geschehens harmlos.

          Dies ist keine Zeit für epische Helden. Das Leben in gesetzloser Zeit selbst wird zum "Helden" des Romans, das allmähliche Auftauchen des Menschen aus dem Chaos zur Handlung. Die Personen der Familie spielen unter veränderten Bedingungen ihre Charakterrollen weiter, dienen als Beispielfiguren für ein beispielloses Geschehen (der Vater betreibt auf andere Weise seine alten zweifelhaften Unternehmungen). Das nimmt den Figuren nicht ihre Persönlichkeit und ihre Fähigkeit zu tragischer Würde. Wie sich Elisabeth, die während des Krieges in einem Amt die Toten und die zerstörten Häuser registrieren mußte, allmählich von den Lebenden entfernt, wie Personen und Orte in ihrer Erinnerung austauschbar werden, also Gedächtnis und Kontaktfähigkeit der völligen Auflösung entgegengehen, oder wie später der Lebensatem der Mutter allmählich erlischt, das ist bewegend erzählt.

          Einmal brechen Märchen und Farce in die düstere Chronik ein. Maria richtet, als Haushälterin, mit Hilfe ihrer Familie bei einem englischen Major, der eine Kölnerin geheiratet hat und möglichst vielen ein "schön schön deutsch deutsch Weihnak" bereiten will, ein großes Fest aus. Von Köln ist die Familie der Frau, deren Oberhaupt zur Gilde der berühmten Karnevalskomponisten zählt, angereist. Zivilisten und Militärs ertränken die Weihnachtsstimmung schließlich in Alkohol, der Rausch entfesselt das Fest zu einer grotesken Mischung aus Weihnachts-, Silvester- und Karnevalsveranstaltung. Mit der Versetzung des Majors in eine andere Stadt endet die kurze Gastrolle der Fontanas im Schlaraffenland.

          Vielleicht hat sich Forte dieses Zwischenspiel als eine andeutende Vorwegnahme des Wirtschaftswunderrausches gedacht (von der Währungsreform, dem Auftauchen der Deutschmark wird noch berichtet). Der Roman selbst schließt zwar die ersten Phasen des Wiederaufbaus der Stadt mit ein, doch widmet sich Forte ihnen nicht mit derselben erzählerischen Verve wie dem Wiedererwachen des Lebens in einer Trümmerwüste. Das Thema des Anfangs aus dem Nichts vor allem fesselt den Erzähler.

          Der Epilog des Romans ist zugleich ein Abgesang. Erinnerung an die Ursprungsmythen, an die Geschichten von Maulbeerbaum und Seidenraupe, an eine lange Tradition der Seidenweber und -händler, die schon vor Generationen verlorenging. Trotzdem ist die Romantrilogie keine Verfallsgeschichte einer Familie. Maria, die Mutter des Erzählers, wird mit ihrer Kraft tätiger Hilfsbereitschaft zur stärksten Figur, die dem Leser begegnet. Kritische Einwände gegen den mittleren Roman relativieren sich nun vom Ende her. Fortes Erzählkunst und Sprache bewähren sich vor einer der schwersten Aufgaben: der Darstellung einer Zeit, da die Menschen auf ihre nackte Existenz zurückgeworfen sind. WALTER HINCK

          Dieter Forte: "In der Erinnerung". Roman. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 1998. 252 S., geb., 39,80 DM.

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