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Rezension: Belletristik : Die Sklavenrepublik

  • Aktualisiert am

Syl Cheney-Coker erzählt die Geschichte Westafrikas

          3 Min.

          Die Hölle muß ihren Eingang irgendwo zwischen Liberia und Sierra Leone haben. Was sich dort seit Jahren ereignet, der Zerfall von Staaten, die in den Besitz von Warlords und rivalisierenden Straßenbanden übergegangen sind, kennt selbst in der von Armut und politischer Unterdrückung gezeichneten Region Westafrikas kaum einen Vergleich. Just aus diesem Gebiet, wo die Wahrscheinlichkeit, eines gewaltsamen Todes zu sterben, höher ist als irgendwo sonst auf der Erde, kommt ein wundersam lebensfroher Roman, der dem fortgesetzten Elend Daseinslust und Rebellengeist entgegensetzt.

          Sein wortgewaltiger Verfasser, Syl Cheney-Coker, wurde 1945 in Freetown geboren, hat in den Vereinigten Staaten studiert und bisher vornehmlich Lyrik publiziert. Als "Der Nubier" 1990 im englischen Original erschien, war die Begeisterung groß und der mit dem "African Commonwealth Writers Prize" ausgezeichnete Autor sogleich als einer der faszinierendsten Erzähler Afrikas anerkannt. Tatsächlich bringt es Cheney-Coker zuwege, zwischen märchenhaftem Zauber und krudem Naturalismus einen Roman zu entfalten, der Mythos und Gesellschaftskritik verbindet, ein Dutzend unvergeßlicher Figuren zeichnet und gleichermaßen spannend wie bewegend ist. Noch die Nebenfiguren sind verschwenderisch mit markanten Details, kauzigen Eigenheiten und einer über Generationen zurückverfolgten Vorgeschichte ausgestattet. Selten ist die Geschichte Afrikas literarisch so phantasievoll und raffiniert dargetan worden wie in diesem weitgespannten Roman.

          Im Gefängnis von Malagueta, einem fiktiven westafrikanischen Staat, harrt ein Aufrührer seiner Hinrichtung. Er hört das ferne Tosen des Atlantiks, denkt an die vielen, die vor ihm hier auf ihr Ende gewartet haben, und trauert noch einmal um sein Land, "das sich im Würgegriff der übelsten Bande von Halsabschneidern befand, die jemals das Land regierte". Am Ende des Romans wird er zum Galgen schreiten. Dazwischen aber, zwischen seiner Verhaftung und seiner Hinrichtung, breitet Cheney-Coker die dreihundertjährige Geschichte Malaguetas aus, eine Geschichte voller Hoffnungen und Enttäuschungen, reich an Großmut und Grausamkeit.

          Irgendwann im achtzehnten Jahrhundert überfallen arabische Sklavenjäger die weltvergessenen Stämme Westafrikas und verkaufen alle kräftigen Männer und gesunden Frauen, deren sie habhaft werden, nach Übersee. Auf den Baumwollplantagen Virginias und Georgias werden sich diese als Sklaven wiederfinden und krepieren. Als sich manche Sklaven im amerikanischen Unabhängigkeitskrieg Verdienste erwerben, werden sie freigelassen und kehren zurück in jenes sagenhafte Land, wo die "Nabelschnur der Eltern vergraben ist". Doch ihr kleines, aufopferungsvoll der Wildnis abgewonnenes Gebiet wird von der englischen Armee erobert und in brutaler Weise dem Vereinigten Königreich einverleibt. Ein Jahrhundert lang existieren ein englisches und ein afrikanisches Gemeinwesen nebeneinander, dann zieht sich die Kolonialmacht zurück. Der Traum der Gründerväter aber gerät zum Albtraum; mit viel Sarkasmus schildert Cheney-Coker, wie die Republik der befreiten Sklaven zur finsteren Despotie verkommt.

          Syl Cheney-Coker erspart den Lesern nicht Bilder des Schreckens und Gemetzels, wenn er von der amerikanischen Sklavenzeit oder den britischen Überfällen berichtet. Aber verachtungsvoller noch erzählt er von jenen Nachfahren der Sklaven, die sich zu Herren über ihresgleichen gemacht und das Land in Korruption und Rechtlosigkeit niedergebracht haben. Dieser Gegenwart setzt er das Gedächtnis entgegen, und sein Roman ist nichts anderes als der poetische Versuch, an den Schmerz, den Trotz und den Traum von Generationen zu erinnern, um sie gegen die Herren von heute ins Feld zu führen.

          Um vom Werden und Verfall Malaguetas zu erzählen, bietet Cheney-Coker ein paar Familien auf, deren Weg aus Afrika nach Amerika und zurück er folgt, deren Schicksal in Malagueta, von der Gründung bis zum Ausverkauf der Republik als europäisch-amerikanische Müllkippe, er nachspürt. Er erzählt von Fatmatta, der schönsten Frau, "so schön, daß es Männern nur einen Tag im Jahr gestattet war, sie zu betrachten. Ein Mann konnte erblinden, wenn er sich zu lange einer so überwältigenden Schönheit aussetzte." Er berichtet von Thomas Bokermann, dem gelehrten, selbstbewußten Schwarzen, der von einem Staat träumt, in dem die Entrechteten aus aller Welt ihre Sicherheit finden werden; vom Clan der Cromantines, dem zuletzt ein Dichter entwächst, der das Erbe der frühen Rebellen antritt.

          Durch die Jahrhunderte und über die Länder geht der "Nubier", eine mythische Gestalt, die im Zauberspiegel die Zukunft voraussieht und alles Wissen Afrikas in sich birgt. Fatalistische Hinnahme der Welt und rebellischer Mut, sich mit dem Unrecht niemals auszusöhnen - beides deutet Cheney-Coker als afrikanisches Erbe, wie er der Magie, den naturreligiösen Riten auch stets Vernunft und Rationalität zugesellt. Sein Roman zeugt von der souveränen Kenntnis europäischer Kultur und von der stolzen Entscheidung, Afrika nicht aufzugeben. KARL-MARKUS GAUSS

          Syl Cheney-Coker: "Der Nubier". Roman. Aus dem Englischen übersetzt von Thomas Brückner. Peter Hammer Verlag, Wuppertal 1996. 558 S., geb., 46,- DM.

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