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Rezension: Belletristik : Die Schildkröte im Ohr

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Im Wärmestrom der Geschichten: Veza Canetti erzählt vom letzten Jahr in Wien / Von Volker Breidecker

          6 Min.

          Anfang der neunziger Jahre erschienen unter den Titeln "Die gelbe Straße" und "Geduld bringt Rosen" zwei schmale Bändchen mit Erzählungen von schlichter und bisweilen beklemmender Schönheit. Die miniaturhaften Schilderungen aus dem Wiener Straßen- und Alltagsleben der Zwischenkriegszeit stammten aus dem Nachlaß der 1897 in Wien geborenen und 1963 im Londoner Exil gestorbenen Venetiana Taubner-Calderon. Die Verfasserin war bis dahin nur als Ehefrau des Schriftstellers und Gelehrten Elias Canetti bekannt, der "Veza", wie sie gerufen wurde, fortan alle seine Bücher widmete. Über ihre Person und ihre stupende Belesenheit war immerhin einiges aus Canettis dreiteiliger Autobiographie zu erfahren. In "Die Fackel im Ohr" wurden die ersten Begegnungen des künftigen Paars Mitte der zwanziger Jahre bei den legendären öffentlichen Lesungen von Karl Kraus beschrieben. Dabei fiel auch ein Satz, der allzuleicht als bloße Liebeserklärung an eine epiphaniegleich wahrgenommene, exotisch wirkende junge Sephardin mißzuverstehen war: "In ,Tausendundeine Nacht' war man ihr begegnet, schon als man zuerst darin las."

          Mit einem Mal läßt die Entdeckung und (noch von dem kürzlich verstorbenen Fritz Arnold besorgte) Veröffentlichung ihres einzigen überlieferten Romans "Die Schildkröte" die ganze Bedeutung dieser Bemerkung deutlich werden: Elias Canetti sprach von keiner beliebigen orientalischen Märchenfigur, sondern von der unermüdlich und mit großer Kunst um ihr Leben erzählenden Scheherezade. Der Roman, dessen zeitige Veröffentlichung vermutlich am Kriegsausbruch scheiterte, war in den Monaten unmittelbar nach der Flucht der Canettis vor den antisemitischen Pogromen des Jahres 1938 entstanden. Er handelt von dem, was seit dem "Anschluß" Österreichs an das Hitlerreich und in den Schreckenstagen des Novembers den in Wien lebenden Juden widerfuhr, als sich die Straßen in Jagdgründe des Mobs verwandelten und auch die Häuser keine Zuflucht mehr boten. Das tausendfach bekannte Geschehen vernimmt man hier jedoch wie zum ersten Mal, wie am Tag danach erzählt, als käme es aus einem noch viel ferneren Buch, das alt genug ist, um darin von neuem zu blättern.

          Gegenüber der Wirklichkeit des Geschehens, davon sie eindringlicher als jede Reportage berichtet, vollbringt die Kunst der Veza Canetti das beinahe Unmögliche. Der Last des Unverwundenen ringt sie die beflügelnde Distanz ab, die es erlaubt, das am eigenen Leib Erfahrene aus der Nähe des Erlebens in die Ferne eines Schilderns zu rücken, das die Sprache wiedergefunden hat und um deren Mittel weiß oder sie sich neu erschafft. Was soeben noch Gegenwart war, wird nicht abgebildet, sondern neu konstruiert. Zeit und Ort, Wien und seine Peripherie, sind beklemmend nah und werden doch entrückt und mit den Horizonten derselben biblischen Urgründe verschränkt, von denen alles Erzählen dieser Welt schon einmal ausgegangen war.

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