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Rezension: Belletristik : Die Schaben der Aktionäre

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Meisterwerk der Phantastik: Mircea Cartarescus "Nostalgia"

          Ein alter Schriftsteller beklagt sein verschriebenes Leben. Seine Werke seien nichts als "schäbigste Roßtäuscherei", seine Prosa sei ungeeignet, "etwas auch nur halbwegs Wirkliches mitzuteilen", im Spiegel der Seiten verzerre sich das Bild bis zur Unkenntlichkeit: "Literatur und die Lehre von den Mißbildungen der Lebewesen sind ein und dasselbe." Die größte Enttäuschung aber ist der Leser. "Um drei ist er mit deinem Buch fertig, um vier nimmt er sich das nächste vor . . ." Mit dieser Altherrentirade beginnt das erste Stück des Bandes "Nostalgia", des Erzähldebüts des 1956 geborenen Rumänen Mircea Cartarescu. Die Befürchtung, nun werde möglicherweise über Hunderte von Seiten vom Erzählen erzählt, weicht dem Staunen, wenn der fiktive alte Mann die Bedenken fahren läßt und dann doch eine herzumdrehende Prosa hinlegt, bei der nie ganz klar ist, wo die präzise Wirklichkeitsmitteilung aufhört und die virtuose Roßtäuscherei beginnt.

          In der Katakomben-Unterwelt Bukarests wird einer makabren Spielleidenschaft gefrönt: dem russischen Roulett. Riesige Schaben wimmeln über den feuchten Boden, von oben dröhnt die Straßenbahn, die "Aktionäre", ein Dutzend gutgekleideter Herren, bestimmen die Einsätze, prüfen den mit nur einer Kugel geladenen Revolver, bevor ihn ein zu diesem Zweck billig geworbener Bettler an die Schläfe führt. "Der Roulettspieler" heißt diese Geschichte, und sie berichtet von einem ewigen Verlierer, den plötzlich das Glück nicht mehr verlassen will. Schließlich erhöht er Kugel um Kugel das Risiko, bis er auch den sensationellen Schuß mit der vollbestückten Trommel übersteht - um freilich bald darauf einen außerordentlich läppischen Tod zu sterben.

          Cartarescu versteht sich darauf, die realistische Beschreibung ins Irreale umkippen zu lassen, dem Irrealen aber durch Detailschärfe den Anschein des Realen zu geben; Kafka und Poe gehören zu seinenVorbildern. Nach dem furiosen Einstieg öffnet sich das Buch zum Breitwand-Erinnerungskino der "Nostalgia". Drei umfangreiche Erzählungen widmen sich, ehrgeizig mit Proust, Nabokov und Capote wetteifernd, dem Zauber und den Schrecken von Kindheits- und Jugenderlebnissen. "Mendebilus" erzählt von einer Gruppe Fünf- bis Zwölfjähriger und ihren Spielen zwischen unwirtlichen, noch halb in rostzerfressenen Baugerüsten steckenden Wohnblöcken, im Morast von Kanalisationsgräben. Mit ihren Gemeinheiten ist es erst einmal vorbei, als der Wunderknabe Mendebilus auftaucht, ein ätherisches Bürschchen, das versponnene Theorien über die Entstehung der Welt und der Menschen vorträgt. Die Kinder sitzen tagelang gebannt um ihn geschart, und die Eltern wundern sich, "wie sauber unsere baumwollenen Unterhemden neuerdings waren".

          Diese Zeit einer verwunschenen Reinheit endet jäh, als Mendebilus von einem Straßenhändler einen Füllhalter mit pornographischem Motiv kauft und mit einem nackten Mädchen im Heizkeller der Wohnanlage erwischt wird. Traum und Wirklichkeit lassen sich auch in dieser Geschichte kaum scheiden. Die Erzählerfigur stellt selber am Ende lakonisch fest: "Die ganze Geschichte um Mendebilus erscheint mir absurd. Ein so gelehrtes Kind hat es bei uns im Block nicht gegeben."

          Mircea Cartarescu ist ein Beschreibungskünstler von Rang. Das szenische Erzählen und vor allem der Dialog liegen ihm offenbar weniger, jedenfalls verzichtet er weitgehend darauf. Zum Schönsten des Buches gehören die atmosphärisch dichten Schilderungen von städtischen und dörflich-vorstädtischen Panoramen, von Straßen, Plätzen und Landschaften, meist im "rötlich goldenen Licht" der späten Nachmittage, im "purpurnen Dunst" des frühen Abends: "Nasen und Backenknochen der Giebel-Gorgonen warfen gestochen scharfe Schatten auf ganze Hauswände, die Fenster füllten sich mit Blut, und ein kleines Mädchen im blauen Kleid, das vor den schmiedeeisernen Speeren am Tor ihres Elternhauses stehengeblieben war, rührte alte, sehr alte Erinnerungen auf."

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