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Rezension: Belletristik : Die Sache mit dem Knoten

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Was sind dreißig Seiten? In diesem Herbst der dicken Bücher fast nichts, kaum ein Kapitelchen bei Kirchhoff, Eco oder Esterházy. Man soll nicht dünne gegen dicke Bücher ausspielen, ein jegliches hat seine Zeit und sein Maß, aber es ist doch schön, wenn man von dreißig Seiten von Zbigniew Herbert, die ...

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          Was sind dreißig Seiten? In diesem Herbst der dicken Bücher fast nichts, kaum ein Kapitelchen bei Kirchhoff, Eco oder Esterházy. Man soll nicht dünne gegen dicke Bücher ausspielen, ein jegliches hat seine Zeit und sein Maß, aber es ist doch schön, wenn man von dreißig Seiten von Zbigniew Herbert, die jetzt in der Friedenauer Presse erschienen sind, ein Heftchen eher als ein Buch, ein Rindenschiffchen neben Epentankern, sagen darf, daß dreißig Seiten doch sehr viel sein können.

          "Der gordische Knoten" versammelt drei Texte aus dem Nachlass des 1998 in Warschau gestorbenen Dichters, die hier erstmals erscheinen und denen Zeichnungen des Autors beigefügt sind, Skizzen, deren Reiz in ihrer Beiläufigkeit liegt und die darin das genaue Gegenstück zu den Prosatexten bilden, die hochkonzentriert auf wenigen Seiten einen Gegenstand entfalten, der alles andere als beiläufig gewählt ist. "Der Spiegel" erzählt von einem eitlen Minister und einem wankelmütigen König, von Reform und Untergang des Königreichs Tsi, dessen Name von hinten nach vorne gelesen das Wörtchen "ist" ergibt. Aber das ist eine Ironie, die sich wohl nur in der deutschen Übersetzung mitteilt.

          In "Die Stimme" geht Herbert dem Geheimnis von Petrarcas Laura nach und stellt die Frage, wer jene unsterbliche Schönheit war, die "auf ihrem aus dreihundert Sonetten geformten Alasterbett" ruht. Die einzige Frau, die Petrarca jemals geliebt habe, sei eine Gelehrte aus Bologna gewesen, deren legendäre, stets durch einen Schleier verborgene Schönheit erst im Tode als Illusion enthüllt wird. Als die Tote aufgebahrt liegt, wird über Nacht der Schleier entfernt und das von Blattern entstellte Antlitz der Donna Novella liegt bloß vor aller Augen. Wie zuvor die Phantasie sich nicht genug tun konnte in der Ausmalung ihrer Schönheit, übertreffen sich nun die Schilderungen der Häßlichkeit und des Ekels.

          Wie alle Studenten hatte Petrarca sich allein in den Klang von Donna Novellas Stimme verliebt und in das Geheimnis ihrer überirdischen Schönheit. Aber Laura, erklärt uns Herbert, war nicht Donna Novella, sondern das Ergebnis einer "großen, das heißt einfachen Entdeckung. Er kam auf die Idee, daß er ein Ebenbild der Liebe erfinden müsse, das, wie Eva aus Adams Rippe, aus einer Rippe geboren und ein Gebilde seiner königlichen Vorstellungskraft sein würde, das heißt - gehorsam seinem Willen und vor allem der Kunst, denn Kunst wird regiert von kühler Leidenschaft und diszipliniertem Wahnsinn." So fallen am Ende die Idee der Schönheit, die Sensation des Häßlichen und das Ideal der unsterblichen Liebe in eins, indem sie sich als Ausgeburten der Phantasie erweisen. Was Laura von der lebenden wie der toten Donna Novella unterschied, waren allein der disziplinierte Wahnsinn und die kühle Leidenschaft der Kunst.

          Der gordische Knoten", der stärkste der drei Prosatexte, schlägt den Bogen von eingeschlagenen Fensterscheiben und geschändeten Friedhöfen, brennenden Büchern und brennenden Menschen zu Alexander dem Großen und zu Aristandros und Aristoteles, den Beratern und Spin doctors eines Welteroberers. Zunächst beschreibt Herbert die politischen Voraussetzungen der "Operation Knoten", dann ihre philosophischen Implikationen und schließlich ihre Folgen. Herberts Alexander zerschlägt den kunstvoll geknüpften Knoten an der Deichsel von Midas' Streitwagen nicht aus Einsicht in die Symbolkraft seiner Geste, sondern aus Ungeduld und Ratlosigkeit, aus Schwäche. Er löst das Problem nicht, denn das Geheimnis des Knotens wird nicht gelüftet; es ist mit ihm verschwunden.

          Alexanders Schwertstreich gilt Herbert als unverantwortlich, denn er markiert jenen schwer faßbaren Moment des Umschlags, der die "unheilvollen Elemente der Gewalt" freisetzt. Gewalt gegen Sachen und gegen Menschen sei zweierlei, aber letztendlich, so Herbert, "gehören auch die Gegenstände zu uns, sind unsere Nächsten, die der Obhut bedürfen, denn sie haben keine Sprache und können sich nicht zur Wehr setzen. Im übrigen weiß man nicht genau, wo die Eskalation des Verbrechens beginnt." Der Schwerthieb gegen den Knoten setzte sich fort im Schlag eines römischen Söldners gegen den Körper des Archimedes und hat sein Ende bislang nicht gefunden. Aristoteles übrigens hatte seinem unbeherrschten Schüler geraten, die Sache mit dem Knoten nicht an die große Glocke zu hängen.

          Zbigniew Herbert: "Der gordische Knoten". Drei Apokryphen. Mit Zeichnungen des Autors. Aus dem Polnischen übersetzt von Henryk Bereska. Friedenauer Presse, Berlin 2001. 32 S., br., 18,- DM.

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