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Rezension: Belletristik : Die Mutter der gerechten Welt

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Bilder von Anna Seghers · Von Thomas Rietzschel

          Mehrfach ist der Berliner Aufbau-Verlag mit der Herausgabe eindrucksvoller Bildbiographien aufgefallen. Dokumente und historische Fotos ließen erahnen, von welchen Ängsten das Leben Hans Falladas gezeichnet war, wie Egon Erwin Kisch in der Rolle des rasenden Reporters erstarrte, wie die eigenen Ansprüche Victor Klemperer beugten. Auch der Seghers-Band von 1994, jetzt noch einmal, rechtzeitig vor dem hundertsten Geburtstag der großen Erzählerin, in zweiter Auflage erschienen, könnte gewiss Einsichten bieten, manches erhellen auf 270 Seiten mit mehr als 250 Aufnahmen.

          Am Anfang sieht man die Vaterstadt, das alte Mainz am Rhein, dazu die Bilder aus dem jüdischen Elternhaus, die Mutter zurückgezogen, der Vater eleganter, verschmitzt, mit einem Lächeln, das sich im Gesicht der Tochter verlieren sollte. Ausgesprochen ernst wirkt bereits die Heidelberger Studentin der Kunstgeschichte. Zart und versonnen, schwermütig beinahe erscheint ihr Profil, als habe die Porträtierte ihr Schicksal gekannt, vorhergesehen, wie es sie umtreiben werde, immer weiter weg, von der Kunst in die Politik, von der Provinz in die Metropole, nach Berlin, an den Ausgangspunkt der späteren Emigration. Auf die Flucht der Kommunistin vor den Nationalsozialisten ist alles zugelaufen; daraus musste sich das Kommende erklären. Im Zentrum der Biographie stehen die Bilder des Exils: Aufnahmen aus Paris und aus Marseille, Faksimiles der Transitvisa und des Entlausungszertifikats, mit dem die Seghers, ihr Mann, der Sohn und die Tochter 1941 über die Antillen und Amerika nach Mexiko ausreisten.

          Station für Station kann man den Weg in die Fremde, die Vertreibung aus der angestammten Existenz, verfolgen. Wie eine logische Konsequenz will danach das Ende anmuten, die Rückkehr in den Osten, das Leben in der DDR. Denn was immer da geschehen mochte, als Alternative war die zweite deutsche Diktatur gerechtfertigt von vornherein. Das Arrangement ergab sich aus der überstandenen Bedrohung, vor der Erinnerung verblasste die Gegenwart nach dem Entwurf der vorliegenden Biographie. Noch die Zurückhaltung der Autorin in der Formalismus-Debatte und ihr Unverständnis für den Arbeiteraufstand vom 17. Juni sollen zwangsläufig anmuten. Wie ein Winkelzug will sich das Schweigen im Schauprozess gegen Walter Janka ausnehmen, wenn gleich nach dem Beleg der Tatsache ein kommentierender Absatz folgt, in dem sich die Tochter erinnert, dass ihre Mutter "in solchen Fällen zu Ulbricht, Honecker" gegangen sei, um ohne öffentliches Aufsehen in den "westlichen Medien" zu intervenieren. Ob und wie oft derartige Vorstöße erfolgreich waren, ist nicht mehr zu erfahren. Auch da bleibt die Dokumentation vieles schuldig.

          Wer sich auf sie verlässt, darf nicht mehr erwarten als die eindrucksvolle Kopie des Bekannten, das vertraute Seghers-Porträt, optisch aufgehellt und retuschiert mit den Berichten ihrer Kinder sowie mit zahlreichen Passagen jener Interviews, die die DDR ihrer "führenden" Autorin abverlangte. Kritischere Dokumentationen müssen sie ebenso ersetzen wie die eingefügten Werkauszüge. Was sie vortäuschen, dieser Eindruck der Identität, will sich selten nur mit der Anmutung der Bilder vertragen, mit den Zügen einer Frau, die noch auf den gern gezeigten Familienfotos, beim Spiel mit den Kindern durch den ernsten Blick auffällt, durch ein Gesicht, das strenger wirkt, als man es von den offiziellen Fotos her kennt. Dass deren Ausdruck, dem Anschein gütiger Milde, nicht so ohne weiteres zu trauen war, muss sogar Christa Wolf einräumen. "Dieses Lächeln", schreibt sie in ihrem einführenden Essay über "Die Gesichter der Anna Seghers", sei immer auch "eines ihrer Verstecke" gewesen. Die "tragischen Züge" aber, die es verbergen sollte, werden kaum weiter beleuchtet. Wenig erfährt man über die inneren Brüche, unbeachtet bleibt das "aufgemachte Mannstum", von dem Gustav Regler sprach. Von der inneren Verhärtung der Kommunistin, von dem Dogma, wie es Hans Sahl und andere "Renegaten" im Umgang mit der Genossin zu spüren bekamen, soll keine Rede mehr sein. Niemand ist dem politischen Wirken der Seghers nachgegangen, nicht in den Moskauer und nicht in den Berliner Archiven. Lieber zeigen die Herausgeber eine FBI-Akte, deren Verdächtigungen absurd erscheinen müssen, solange die linke Utopie über jeden Zweifel erhaben ist, die Geschichte den Stalinismus entschuldigt.

          Solcher Nachsicht jedoch hätte Anna Seghers nicht bedurft, nicht, wenn man sie als eine der großen Autorinnen des Jahrhunderts ernst genommen hätte, als eine Erzählerin, der Hans Henny Jahnn schon 1928, bei der Vergabe des Kleist-Preises "eine starke Begabung im Formalen" bescheinigte. Alles, was die häufig zitierten Erinnerungen ihrer Nachfahren und Genossen unversehens verdrängen, ideologische Verführbarkeit und moralisches Zaudern, wäre verständlicher geworden mit der Anerkennung dieses Kunstwillens. Aus der Furcht, aus der im Exil gewachsenen Angst, noch einmal die Möglichkeit literarischer Wirkung zu verlieren, hätte sich ein Künstlerschicksal erklären können, jenseits von gut und böse. So weit aber wollte man wohl bei Aufbau nicht gehen, noch einmal sollte eine der wichtigsten Autorin des Hauses erscheinen, wie man sie brauchte: als die gütige, die weißhaarige, die mütterliche Anna.

          Frank Wagner, Ursula Emmerich und Ruth Radvanyi (Hrsg.): "Anna Seghers". Eine Biographie in Bildern. Mit einem Essay von Christa Wolf. Aufbau-Verlag, Berlin 2000. 264 S., 253 Abb., br., 39,90 DM

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