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Rezension: Belletristik : Die Masken der See

  • Aktualisiert am

John Cowper Powys' Roman "Der Strand von Weymouth"

          John Cowper Powys, der zu Anfang des Jahrhunderts auch deutsche Lande bereiste, mochte die schwerblütige Metaphysik dieses Volkes. Er fühlte sich im Lande Goethes und Nietzsches, dessen Schwester er besuchte, besser verstanden als anderswo. Die Deutschen zahlten ihm diese Liebe heim mit dem einzigen Literaturpreis, den der Engländer je erhielt, als ihm Hans Henny Jahnn die Plakette der Hamburger Akademie der Künste verlieh. Das war im Jahre 1957. Seit den achtziger Jahren wird Powys, der 1963 starb, neu entdeckt. Übersetzungen der "Autobiographie", des politischen Essays "Kultur als Lebenskunst" und der Tagebücher sind bei verschiedenen deutschsprachigen Verlagen zu haben. Der Hanser-Verlag dagegen setzt auf die großen Romane. "Glastonbury Romance", vor einigen Jahren auf Deutsch erschienen, ist wohl der gewaltigste Versuch Powys', und die Gewalt, die er dem gesunden Mittelmaß antut, ist zuweilen kaum erträglich. So mancher Leser braucht eine Erholungszeit nach der Lektüre.

          Nicht aber Powys, denn er war ein Vielschreiber vor dem Herrn. Gleich nach dem monumentalen "Glastonbury" begann er im Februar 1933 den nächsten großen Roman zu schreiben: "Weymouth Sands". Er lebte seit einigen Jahren mit seiner amerikanischen Gefährtin Phyllis Playter im Staate New York, doch waren die Antennen des Sechzigjährigen längst wieder auf die englische Heimat gerichtet. Er begann Reiseführer und Landkarten zu studieren, die ihn in den Südwesten seiner Kindheit zurückbrachten: die Küste von Dorset, Weymouth. Nach dem schwergewichtigen "Glastonbury", in dem das abgehangene Fleisch der Metaphysik triefte, sollte ein "luftiges, fröhliches, schalkhaftes Wasserfarben-Buch" folgen, ohne donnernde Botschaften, wie er im Tagebuch vermerkte. Aber nicht mit Mr. Powys! Aquarelliert wird zwar viel in diesem Roman, in dem die Handlungen zerfließen wie die Pärchen, die Liebesbeziehungen und die Aggressionen. Doch entstehen keine südfranzösischen See-Miniaturen à la Raoul Dufy, sondern eine merkwürdige Mischung aus betulichem neunzehnten Jahrhundert und spätem Turner, mit dem er den kosmischen Schatten zu bannen sucht.

          Einzelne Figuren ragen heraus, die wohl zum unvergesslichen Personal der englischen Literatur zählen dürften. An ihnen scheitern selbst Powys' Walter-Scott-artige Beschilderungen. Jobber Skald, der ständig den Stein in der Tasche trägt, mit dem er den verhassten Erzkapitalisten Dog Cattistock umlegen will, einen Mann, der für Skald das Ende des alten Weymouth bedeutet; Richard Gaul, der verstiegene "Philosoph der Repräsentationen", der die Repräsentationen der Liebe nicht recht in seinem Modell unterbringen kann; die jugendliche Perdita Wane, die von den Kanalinseln einreist, um Gesellschafterin einer unerträglichen Frau zu werden. Und vor allem Sylvanus Cobbold, eine von mehreren Inkarnationen des Autors: ein mystisch Besessener, der mit seinen skurrilen Reden die Strandgänger belustigt, abschreckt oder fasziniert, bis ihn die Polizei in die Klapsmühle steckt. Deren Direktor widmet sich der Vivisektion, die Powys immer wieder als das größte Übel des modernen Menschen angreifen sollte. Ansonsten haben die Figuren des Romans eine äußerst kurze Halbwertzeit. Dieser Zerfall ist möglicherweise auch geplant, zumindest plausibel, und zwar vor dem Hintergrund des Meeres. Vor dem Meer haben die Uhren keinen Bestand.

          Bis zur Monotonie zählt Powys die menschlichen Artefakte am Strand auf, die die Zeit nach Stunden und Königen messen. Wasser und Meeresluft durchdringen jedoch alles und machen die Porosität der Figuren fühl- und vor allem riechbar. Melanie Walz ist auch in diesem Sinn eine flüssige Übersetzung gelungen; bravourös hat sie Powys' Verschachtelungen standgehalten.

          Diese Verschachtelungen und syntaktischen Aufwerfungen sind symptomatisch für die Wahrnehmung bei Powys, die immer, gleichsam nach Art der taoistischen Sexuallehre, kurz vor dem Höhepunkt innehält. Jedoch ermöglicht diese oft frustrierende Rhythmik einen rasanten Wechsel in andere Dimensionen - von der Mystik in die Alltagskomik, von einer sozialen Beobachtung in die mikroskopischen Welten eines Blattes oder Insekts. Powys sucht immer wieder die Rolle des kosmischen Scharlatans. Der Mystiker Sylvanus hat Visionen, doch lässt er sich als Fetischist auch stundenlang ablenken durch den Verlust seines Schnurrbarts oder bringt sich durch das Rezitieren der Silben "Caput" und "Anus" in eine Trance. Kein Wunder, dass er nicht nur Insasse wird, sondern sich auch - einer der Höhepunkte des Romans - als Widerpart seines Psychiaters erweist. An dem Nicht-Verdränger Powys ist noch jeder psychoanalytische Versuch gescheitert. In Sylvanus' Albernheit kann man jedoch auch schon das Wetterleuchten der späten Phantasien des Autors sehen, die unter Titeln wie "You and Me", "All or Nothing" und "The Mountains of the Moon" zu seiner Unbekanntheit beigetragen haben.

          Powys reißt immer neue Horizonte auf, ohne sie jemals auszufalten. Es sind die Jahre, in denen er beginnt, täglich Homer auf Griechisch zu lesen, und so tauchen denn die Toten eines homerischen Jenseits an der südenglischen Küste auf, und die See erhält griechische Farben. Noch weiter zurückgehend, lässt Powys "prähistorische Hasen" hoppeln und entdeckt in modernen Gesichtern den Neandertaler. Diese Einstellungen treffen aufeinander wie der Stein und das Meer im Sand von Weymouth. Das Weiche und das Harte, das Unendliche und das bis zur Verbohrtheit Begrenzte - in diesen Gegensätzen arbeitet ein Roman, an dessen viktorianischem Strand Erinnerungen an andere Strände der Moderne, von Joyce, Proust und Woolf, aufsteigen. Doch trägt die See bei Powys Masken. Die Grimassen, die Powys in seinen Strand einzeichnet, liegen jenseits von Viktorianismus und Moderne, vielleicht haben sie gar keinen literaturgeschichtlichen Ort.

          ELMAR SCHENKEL

          John Cowper Powys: "Der Strand von Weymouth". Roman. Aus dem Englischen übersetzt von Melanie Walz. Hanser Verlag, München 1999. 600 S., geb., 68,- DM.

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