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Rezension: Belletristik : Die Liebenden

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Sähe man die Anfangsszene im Film, dann wartete man auf den Moment, in dem die Kamera in die Totale ginge und den Abgrund zeigte, an dessen Rand sich alles abspielt. Aber sie findet auf festem Boden statt, mitten in einer Sommerlandschaft: ein kleines Auto, das neben einem in der Hitze brütenden Kornfeld ...

          Sähe man die Anfangsszene im Film, dann wartete man auf den Moment, in dem die Kamera in die Totale ginge und den Abgrund zeigte, an dessen Rand sich alles abspielt. Aber sie findet auf festem Boden statt, mitten in einer Sommerlandschaft: ein kleines Auto, das neben einem in der Hitze brütenden Kornfeld haltgemacht hat, fünf Menschen, ein Hund, ein Haßausbruch, Blut - dann die schweigsame, mehr als unbehagliche Weiterfahrt. Das Mädchen, das davon erzählt, versucht Platz zu finden zwischen Hund, Gepäck und den Mitreisenden. Für den Rest der Fahrt erfahren wir von jeder Bewegung in dem engen Auto und wie sie sogleich aufgehalten wird durch die Karosserie, die verschwitzte Haut von jemandem, der zu nahe ist, oder von der Hitze, die durchs Fenster dringt "wie ein warmer Brei".

          Der junge Niederländer Bart Moeyaert schreibt schon immer so, als müsse er eine Beklemmung loswerden. Das macht seine Geschichten bezwingend. Auch wenn sie oft fern der Wirklichkeit erscheinen oder albtraumhaft verschwommen - unterhalb der Handlungsebene gehen sie jeden etwas an. Das gilt auch für seinen neuen Roman, der im Grunde kein Roman ist, sondern eine Sammlung von drei Episoden aus dem Leben einer Familie, in der sich die vier Geschwister Vater und Mutter sein müssen. Denn der Vater fehlt, und die Mutter interessiert sich mehr für ihre Liebhaber als für ihre Kinder. Eine weitere liederliche Mutter, ein weiterer abwesender Vater in der an solchen Leuten nicht armen Jugendliteratur - doch hier geht es einmal nicht darum, das anzuprangern.

          Bart Moeyaerts junge Erzählerin ist eine Suchende. Hinter der Sehnsucht nach Eltern, die etwas taugen, steht übergroß die Sehnsucht nach Liebe. In der dritten Geschichte ist der ältere Bruder nicht anwesend, aber sie zwingt ihn hinzu, indem sie sich unentwegt vorstellt, daß er an sie denkt. Auch wenn die Geschwister die Liebe nicht begreifen, wie sie sich eines traurigen Abends versichern - sie sind selber Liebende, und das gibt dem Buch eine Wärme, die alle Beschädigungen überstrahlt.

          Die stimmungssatten, körpernahen Szenen Moeyaerts sind wie Filmbilder von der Handkamera, mit einer gewissen Unschärfe (die aber eher unbeabsichtigt scheint). In seinem letzten Roman, "Wespennest", konnte der Inhalt mit dem intensiven Stil nicht mithalten. Jetzt deckt sich beides besser. Dennoch wird man den Eindruck nicht los, Bart Moeyaert übe noch, und man wartet weiter auf den üppigen, abgerundeten und mitten ins Herz treffenden Roman von ihm. Bis dahin gibt aber vielleicht gerade diese Atmosphäre der Unfertigkeit vielen jugendlichen Lesern das, was sie wollen und brauchen.

          MONIKA OSBERGHAUS

          Bart Moeyaert: "Es ist die Liebe, die wir nicht begreifen". Aus dem Niederländischen übersetzt von Mirjam Pressler. Verlag Beltz & Gelberg, Weinheim 2001. 112 S., geb., 11,- . Ab 14 J.

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