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Rezension: Belletristik : Die letzten Mohikaner der Metaphysik erleben gerade ihre manische Phase

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Dies ist also das eine: Der Dichter läßt sich von den Metaphern der Wissenschaft entzünden, von den "Riemannschen Flächen" etwa oder den "Hausdorff-Räumen". Das andere: Er benutzt die Forschungsergebnisse selbst als Metaphern. Das ist ein ungleich anspruchsvolleres Vorhaben und zugleich eines, das nicht nur poetisch, sondern auch theoretisch ist - aus welchem Grund Einwände gestattet sind. Ein Beispiel: In seinem schon 1983 erschienenen Gedicht "Hommage à Gödel" beschreibt er den mathematischen Befund, daß sich in jedem hinreichend mächtigen Kalkül Sätze formulieren lassen, die zwar wahr, aber nicht mit den Mitteln dieses Kalküls beweisbar sind. Woraus der Dichter folgert: "Du kannst dein eignes Gehirn / mit deinem eignen Gehirn erforschen: / aber nicht ganz." Ein bloßer Analogieschluß, kein zwingender. Zeilen eines Gedichts, in schlußfolgernder Diktion geschrieben. Kurz vorher heißt es "doch bedenk: / Gödel hat recht", und das erinnert wohl nicht zufällig an den Duktus Brechtscher Lehrgedichte. Ebenso wie das Auftauchen von Karl Marx in dem Gedicht über Charles Babbage: Er "prüfte die Rechnung nach und befand sie für richtig".

Lakonische Poesie, in der die Tatsachen gewissermaßen in Eigenfrequenz schwingen. Der letzte Satz des Buches sieht "die Poesie auch dort am Werk, wo niemand sie vermutet", und darin äußert sich nicht etwa hündische Demut des Dichters angesichts der modernen Demiurgen, sondern ganz im Gegenteil ein poetisches Selbstbewußtsein. Hier wird die Poesie der Forschung herauspräpariert. Ohne Verherrlichung derselben, eher mit Staunen und durchweg kameradschaftlicher Ironie, etwa wenn von den Kosmologen die Rede ist, den "letzten Mohikanern der Metaphysik". Besonders die Gedichte über historische Gestalten aus Forschung und Technik zeigen, daß Enzensberger keineswegs zu jenen siebenhundert Brechtschen Intellektuellen gehört hätte, die der Dramatiker einen Öltank anbeten ließ. Etliche der Gedichte Enzensbergers entstammen dem Band "Mausoleum" (1975). Sie sind überaus aktuelle Kritik der Wissenschaft und ihrer Hagiographie und zeigen vor allem die Leistungen der Großen im Kontext ihrer individuellen Biographie und ihrer Klassengeschichte. Gottfried Wilhelm Leibniz: "Wie ein Automat". Condorcet: "Ahnherr der rüdesten Technokraten". Babbage: "Zwangsneurotiker". Malthus: "Unter den Propheten der Katastrophe der Muntersten einer". Das alles ist sorgsam recherchiert und nicht ohne Respekt für die Riesen der Forschung geschrieben: "Aber wehe, wenn Jàncsi aus Budapest / anfängt zu denken" - das ist John von Neumann.

Im Jahre 1991 veröffentlichte Hans Magnus Enzensberger das Gedicht "Ein Hase im Rechenzentrum". Da hat eine kleine Kreatur Angst vor der Technik, und doch ist sie den Computern und Monitoren und Druckern überlegen; ihre Zukunft steht außer Frage. An anderer Stelle jedoch äußert Enzensberger, Parteigänger des biologischen Lebens, ernstliche Sorge um die Zukunft, namentlich in seinem zuerst in dieser Zeitung erschienenen Text "Putschisten im Labor". Hier kritisiert er die hegemoniale Position der Informatik und Biologie, die sich als "Leitwissenschaften" den besten Zugang zu den Ressourcen Geld und Aufmerksamkeit erobert haben. Den in diesen Wissenschaften spukenden Phantasien von der Selbstabschaffung der Gattung rückt Enzensberger kritisch zu Leibe - auch diesmal wohlinformiert, was nicht von allen Kritikern der Biotechnik gesagt werden kann - und diagnostiziert eine "manische Phase" dieser Disziplinen. An deren Ende könnte öffentlicher, militanter Widerstand stehen, schreibt er, gegen den Wackersdorf oder die Aktionen radikaler Tierschützer harmlos wirken, geht es dann doch "nicht mehr um abstrakte Risiken", sondern "um die eigene Haut, um Zeugung, Geburt und Tod".

Enzensberger ist eben politisch geblieben. Überzeugungen haben sich verändert, die Haltung indes blieb über die Jahre die gleiche, weshalb denn auch der Stil der aus so unterschiedlichen Zeiten stammenden Texte durchgehend dem entspricht, was wir an diesem Autor haben: Hier blickt jemand die Welt an, möglichst genau, und entdeckt Erregendes, das von größerer Realität ist als all die Einbildungen, die der gewöhnliche Geistesbetrieb so hervorfördert. GERO VON RANDOW

Die "Elixiere der Wissenschaft" sind Mittel, sich klare Sicht zu verschaffen. Wer mag, nenne diesen Zustand Nüchternheit.

Hans Magnus Enzensberger: "Die Elixiere der Wissenschaft". Seitenblicke in Poesie und Prosa. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2002. 281 S., geb., 19,90 .

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