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Rezension: Belletristik : Die Kunst bezahlter Mechaniker

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Den Arzt untersuchen: Thorsten Casmirs Roman "Ohnsgrond"

          Das Meer ist stürmisch, das Wetter regnerisch und kalt. Schwer schlingert und stampft das alte Postschiff durch die unruhige See. Unter Deck sitzt, bei den Matrosen, dem Postmeister und den wenigen schweigsamen Passagieren, der junge Arzt Georg Finn. "Die Regierung", faßt er seine Lage so lakonisch wie resigniert zusammen, "die mein Studium mit Fördermitteln bezahlt hatte, machte von ihrem Recht Gebrauch, mich für zehn Jahre in Landesteilen und auf Inseln einzusetzen, wo freiwillig niemand hingehen wollte." Finn erwarten zehn Jahre auf Ohnsgrond, einer kleinen, baumlosen Insel irgendwo vor der norwegischen Küste. Vor wenigen Tagen erst hat er in Oslo seine letzten Examina mit Auszeichnung abgelegt. Gleichwohl weiß er, daß er als Kind irischer Einwanderer keine Aussichten auf eine medizinische Karriere hat. Und da er dies schon lange weiß, ist er verbittert.

          "Betreibe dein Geschäft nach der Methode der Mechanik, heile, so du kannst, andernfalls töte. Fordere dein Honorar, wenn du getötet hast." Petrarcas Polemik von 1355 beschreibt in einem Satz das bis heute zwiespältige Verhältnis des Menschen zu seinem Arzt. Dessen Macht gründet in der Macht der Krankheit, die den Kranken plötzlich zum Laien seines eigenen und den Arzt zum Vormund eines eben noch fremden Körpers macht. Immer ist so der Arzt auch ein Verbündeter seines Gegners. Auch Georg Finn ist solch ein Reisender in Sachen Tod.

          Schüchtern bittet der junge Matrose Matz noch auf der Überfahrt um eine Untersuchung. Widerwillig und ergeben zugleich in das immergleiche Spiel von Anamnese und Diagnose, steigt Finn mit dem Matrosen hinab in dessen Welt. "Öl und Maschinenruß von Jahrzehnten war von Mänteln, Jacken und Hosen getropft, zusammen mit Salzwasser, Regen und Schweiß. Gewaschen wurde das Zeug wahrscheinlich nie. Entsprechend roch es in der Kajüte. Ein beißender Schweißgeruch überstrahlte noch die Urinfahne, als Matz sich unaufgefordert auszog. Dazu ein würgender Gestank nach saurer Hefe und süßlichem Schimmel."

          Wichtiger als die Diagnose des so schmerzhaften wie harmlosen Pilzbefalls ist dem Autor in dieser Szene die Beschreibung der Untersuchung. Akribisch protokolliert Thorsten Casmir das Ritual zwischen Arzt und Patient als Inszenierung von Entblößung und Inbesitznahme: "Seitdem er nackt war, schien er mir uneingeschränkte Autorität einzuräumen, das spürte ich, und es entsprach so auch meiner Erfahrung. Die Nackten fressen den Ärzten aus der Hand."

          Petrarcas Warnung an einen Arzt, sich nicht "für einen Philosophen zu halten, da ich weiß, daß du ein bezahlter Mechaniker bist", erreicht Georg Finn nicht. Er verzweifelt an der Frage, welchen Sinn es habe zu heilen, weil er als Mechaniker vor dem Virus versagt, der auf Ohnsgrond wütet. Die Insel ohne Grund ist das Spielfeld der Partie zwischen der Seuche und dem Arzt, und wie man Spielsteine auf dem Brett verteilt, erzählt Thorsten Casmir seine Geschichte von den Orten her, die er im Nichts dieser öden Landschaft anordnet. Am Ende des Romans ist die Krankenstation verwaist, das Dorf verlassen, die Villa in Schutt und Asche gelegt, und im Turm liegt ein Sterbender. "Zu Ende, denke ich, mit uns ist es doch schon längst zu Ende, vielleicht noch einen Augenblick, Highs, denke ich, Geröll, die windigen Highs und das steinige Geröll, die Schafe, Nebel in den Highs, das Ende, endlich am Ende angekommen, es ist zu Ende, alles vorbei, nichts mehr sehen, fallen, schlafen, enden, endlich . . ."

          Künstlerisches Gelingen, mag einem beim Lesen von "Ohnsgrond" in den Sinn kommen, kann auch eine Form von Artistik sein, mithin etwas, das entbehrlich ist. Dem fiebrigen und doch exakten Erzählen jedenfalls merkt man an, daß der Autor dafür keine Zeit mehr hatte. Thorsten Casmir war bereits an Aids gestorben, als "Ohnsgrond" vor einem Jahr erschien. Außer Rezensionen in der "Ärzte-Zeitung" und dem "Magazin der Deutschen Aids-Hilfe" blieb der Roman unbeachtet. "Die Sterbenden nehmen sich selbst, was sie brauchen bis zum Tod", lautet sein Motto. Den Toten aber hilft nur die Aufmerksamkeit der Lebenden. THOMAS HETTCHE

          Thorsten Casmir: "Ohnsgrond". Roman. axel-dielmann-verlag, Frankfurt am Main 1994. 445 S., geb., 55,- DM.

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