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Rezension: Belletristik : Die Kleiderfrage von Rußland

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Ziemlich viele Lebenszeichen: Paolo Noris Roman "Weg ist sie!"

          3 Min.

          Gäbe es einen Wettbewerb um den musikalischsten Frauennamen der Gegenwartsliteratur, so würde "Bassotuba" gewiß auf einem der vorderen Plätze landen. Bassotuba, über die wir leider nicht erfahren, ob sie jenes Instrument beherrscht oder ihm in irgendeiner Weise ähnelt, ist weg, genauer: Sie hat sich mit einem Soziologen aus dem Staub gemacht. Mit Posaune, Katze und Seelenschmerz zurückgeblieben ist Learco Ferrari, ein kettenrauchender Mittdreißiger, der Russisch studiert hat, seinen kargen Lebensunterhalt als Übersetzer und Lagerarbeiter verdient, von einer Karriere als Schriftsteller träumt und wohl auch sonst viele Gemeinsamkeiten mit seinem gleichaltrigen Erfinder aufweist, dem in Parma geborenen, in Bologna lebenden Paolo Nori. Worauf sein Antiheld und Alter ego noch sehnsüchtig wartet, das ist Nori geglückt: Ein römischer Verlag hat seinen ersten Roman gedruckt, und ein Jahr später liegt das Debüt nun sogar auf deutsch vor. Es darf vermutet werden, daß der Autor zuvor just den Sumpf des Trübsinns und der Selbstzweifel durchwatet hat, in den uns sein Ich-Erzähler mit den aufmunternden Sätzen hineinzieht: "Ich bin einer, der nie klarkommt. Ich bin müde, sehr müde."

          Daß Depressionen, Migräne und Ennui unter den jüngeren Intellektuellen Italiens recht verbreitet sind, mag deutsche Generationsgenossen überraschen, die in der Nachfolge Goethes den stimmungsaufhellenden Einfluß des Stiefellandes schätzengelernt haben. Nördlich von Rom, soviel steht fest, vernebelt häufig Schwermut die Gemüter, und was an Daseinsfreude noch bleibt, wird vom Zeitgeist gefressen. "Das moderne Leben", klagt Learco Ferrari, "hat Rhythmen und Ansprüche, mit denen ich nicht mithalten kann." So ausgelaugt fühlt sich der junge Mann aus dem Käse- und Schinkenparadies Parma, daß ihm selbst der Sex zu anstrengend geworden ist: "Kein Saft mehr. Ich wirke zwar lebendig, bin aber eigentlich tot." Das tut allerdings dem "brennenden Wunsch zu schreiben", den er seit seiner Grundschulzeit verspürt, keinen Abbruch. So bringt er jeden Tag drei Seiten zu Papier und hat neben "gräßlichen Gedichten" schon zwei Romane vollendet, die in diversen Verlegerschubladen schmoren, während er am dritten arbeitet.

          Weitere Symptome sprechen dafür, daß Learco noch am Leben ist. Er interessiert sich für anarchistische Literatur, spielt in einer Band, organisiert Kneipenlesungen, kümmert sich rührend um den Kater Paolo, grübelt über anonyme Nachrichten auf seinem Anrufbeantworter, räumt seine Wohnung auf und rechnet gewissenhaft mit dem Haushaltsgeld: Wann ist es an der Zeit, von Camel-Zigaretten auf die billigen "Nazionali" umzusteigen, um sich noch einen Kinobesuch oder eine Druckerpatrone leisten zu können? Und er kann Bassotuba nicht vergessen. Weder die rothaarige Agata noch eine attraktive Osteria-Bekanntschaft vermögen ihn darüber hinwegzutrösten, daß die Freundin ausgerechnet einen Schüler des trunksüchtigen Turiner Philosophieprofessors Gianni Vattimo ihm vorgezogen hat. Bei einer kurzen Aussprache muß er "losheulen wie ein beschnittener Weinstock", und dasselbe passiert ihm, als er von der schweren Erkrankung seines Vaters erfährt. Auch hält der Empfindsame regen Gesprächskontakt mit einer Legion Engel, unter denen vom Engel der Apokalypse bis zum Engel des Zorns alle nur denkbaren Zuständigkeiten vertreten sind.

          Ziemlich viele Lebenszeichen, wenn man es genau nimmt, für jemanden, der sich schon tot fühlt. Nori verpackt sie in eine hektische und zugleich zähflüssige Suada, die ihre ironischen Qualitäten erst beim zweiten Lesen enthüllt. Was Learco Ferrari in schnoddrig-kunstloser Sprache über seinen Alltag ausplaudert, ist nicht aufregender als der Inhalt eines Big-Brother-Containers. Daß der Autor diese Tatsache mitreflektiert und als kulturelles Symptom zur Schau stellt, zeigt sich in der Schlitzohrigkeit, mit der er wie nebenbei allerlei Mythen und Moden seiner Generation einer scheinnaiven Demontage unterzieht: Film und Comics, Sex und Konsum, Automarken und Amerika, um nur ein paar Beispiele zu nennen, aber auch und vor allem den Schriftstellerberuf, der gerade in Italien in weiten Kreisen libidinös besetzt ist.

          Learco, der wahrscheinlich Ferrari heißt, weil er von der langsamen Truppe ist, hat "dreimal die Brüder Karamasov gelesen und nicht verstanden". Dafür hat er während seines Rußland-Aufenthaltes gelernt, daß die Einstellung zu Äußerlichkeiten sich wandeln kann: "Wenn du in Rußland lebst, ist es unwichtig, gut angezogen zu sein. Vielleicht liegt es am Wodka, vielleicht am Kohl, ich weiß nur: es ist so." Wieder eine Erfahrung, die der Autor mit seinem Helden teilt; sie hat ihn offenbar nachhaltig geprägt. Paolo Noris Gegenentwurf zur "bella figura" verweigert sich jeder Szene-Zugehörigkeit, setzt vielmehr auf eine widerborstige Authentizität, die bei näherem Hinschauen Wertmaßstäbe durchschimmern läßt. Mit der Tristesse, die ihm allenthalben auflauert, spielt Noris Erzähler wie die Katze mit der Maus, und am Ende läßt er sie einfach fallen wie eine heiße Kartoffel.

          Würde Italo Svevo heute schreiben, hieße er Paolo Nori, behauptet Luigi Malerba. Das ist ein listiges Lob, weil es den Nachwuchsdichter aus der Emilia Romagna mit dem großen Triestiner Melancholiker in einem Atemzug nennt, ohne zu unterstellen, daß dieser etwa jenem das Wasser reichen könne. Unbefangener darf man sich dem Zuspruch aus himmlischen Sphären anschließen: "Learco! ruft der Engel meiner Talente. Ja bitte? Halte durch. Danke, sage ich." Nichts zu danken, sagen wir.

          KRISTINA MAIDT-ZINKE

          Paolo Nori: "Weg ist sie!" Roman. Aus dem Italienischen übersetzt von Olaf Matthias Roth. Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2000. 160 S., geb., 29,80 DM.

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