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Rezension: Belletristik : Die Herrlichkeit der Ballettratte

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Schicksal auf Honorarbasis, Kraftwerk auf Pump: Petra Morsbachs "Opernroman" / Von Eleonore Büning

          Feuerwehrlöscherrot ist dies Büchlein, bis tief in die Vorsatzblätter hinein. Rot züngelt das Sehnsuchtssegel des Fliegenden Holländers auf der Pappbanderole, dazu ein ultimativer Titel wie eine Trompetenfanfare, C-Dur und fortissimo: "Opernroman". Wer sich so eine tolle Verpackung ausdenkt, gleichviel ob Autor, Lektor oder PR-Agent, der rechnet ganz klar mit einem populären Mißverständnis.

          Angeblich ist Oper etwas für leidenschaftlich Verliebte und Verrückte. Man nennt diese Gattung heute, in Anlehnung an Alexander Kluges bekenntnishaften Opernfilm, gern ein "Kraftwerk der Gefühle". Sie soll den Verstand verwirren, das reine, heiße Herzblut in Wallung bringen und möglicherweise, weil schon die Opernlibretti in aller Regel den Gesetzen der Logik entraten, einen gewissen Hang zu bizarren Mysterien haben, zu unterirdischen Seen, abstürzenden Kronleuchtern, tödlichen Giftgasanschlägen und plötzlicher Selbstentzündung.

          Das sind keine musikhistorischen Tatsachen, nur Gerüchte, die freilich eine gute Romangrundlage abgeben. Der ultimative Roman der Oper wurde auch längst geschrieben, nämlich zu Beginn unseres Jahrhunderts von Gaston Leroux, später mehrfach verfilmt und von dem Komponisten Andrew Lloyd-Webber, der ein sicheres Gespür für das Modische hat, mittels halloweenreifer Hammondorgelchromatik wieder rücküberführt in Musik und aufs Musical reduziert. Josef Haslingers "Opernball", Kreislers wüst-genialer Opernboogie, dies alles und mehr klingt mit, wenn man Petra Morsbachs zweiten großen Roman aufschlägt. Man sieht sich angenehm enttäuscht. So blutig und lüstern das Versprechen draußen, so nett und nüchtern die Alltagsgegeschichten, die drinnen erzählt werden.

          Jan liebt John und Babs liebt Harry. Harry ist verliebt in die Liebe, weshalb alle Frauen hinter ihm her sind, ausgenommen Andrea. Andrea liebt, wenn überhaupt, nur unglücklich verheiratete Männer, Saskia liebt niemanden außer sich selbst, Laurent liebt die Musik, Dave den Alkohol und so fort. Das Personenverzeichnis der Liebenden und Verliebten ist noch mindestens dreimal so lang, alle treten nacheinander in kurzen Soli mit ihren Nöten und Freuden nach vorn an die Romanrampe und sind im übrigen auf das engste in Duz- und Arbeitsgemeinschaft miteinander verhäkelt. Schnell und geschickt zappt sich die Autorin von einem Leben ins nächste, manche Episode ist nur eine Miniatur, eine knappe halbe Druckseite lang. Ein Panoptikum von Allerweltsmenschen mit konfektionierten Gedanken und Gefühlen, kurz und kühl distanziert beschrieben. Sie führen Dialoge, die im wirklichen Leben kein Mensch führen würde. Überhaupt haben diese vielen Figuren ein exemplarisch kurzes, gesichtsloses Leben: Legt man das rotflammende Buch beiseite, hat man sie schon vergessen.

          Dabei geht es darin um die üblichen lebensnahen Probleme, die jeden etwas angehen: Einer hat Aids, ein anderer Ärger mit dem Chef oder Streit mit den Kollegen, wieder ein anderer hat zu Hause eine Frohnatur und zu viele Kinder, alle miteinander haben Angst vor der Arbeitslosigkeit und zu wenig Geld. Kein Phantom der Oper in Sicht, kein Mordkrimi, nicht mal ein klitzekleiner Totschlag - obgleich dieser Roman doch eigentlich von nichts anderem handeln will als davon, wie das Gefühlskraftwerk funktioniert. Alle dramatis personae arbeiten auf Honorarbasis oder als Festangestellte an einem mittelgroßen deutschen Stadttheater, als erste Primadonna, zweite Geige, Inspizientin, Ballerina, Kantinenwirtin, Regieassistentin, Korrepetitor und so weiter. Alle könnten genausogut in einer anderen Firma arbeiten, deren Mitarbeiter ständig vom Exitus bedroht und darum auf einen prima Teamgeist angewiesen sind: in einem Luxushotel wie die "Girl Friends" beispielsweise oder, noch besser, in einer Intensivstation wie in der Serie "Emergency Room". Nicht umsonst ist der Erzählduktus dieses Buches so drehbuchartig knapp gehalten, ist die Abfolge der Episoden so patchworkartig unvermittelt, sind die Dialoge so klischeehaft und künstlich. Petra Morsbach hat, offenbar mit Bedacht, für ihren Opernroman die sehr zeitgemäße Form der Seifenoper gewählt.

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