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Rezension: Belletristik : Die gefühlte Mittagsglocke

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Theater sind ungesund, überall Asbest, Sperrholzplatten, giftige Lacke. Das grelle Bühnenlicht schadet den Augen, die für Kleinwüchsige konstruierten Sitzreihen erzeugen Schmerzen. Wie sich die moralische Anstalt von einst auf die Psyche auswirkt, bleibt ungewiß, ist doch das reüssierende Theater ...

          Theater sind ungesund, überall Asbest, Sperrholzplatten, giftige Lacke. Das grelle Bühnenlicht schadet den Augen, die für Kleinwüchsige konstruierten Sitzreihen erzeugen Schmerzen. Wie sich die moralische Anstalt von einst auf die Psyche auswirkt, bleibt ungewiß, ist doch das reüssierende Theater stets für eine klare, reduzierte Aussage - und steht somit im klaren Widerspruch zur Welt, zum komplizierten Leben. Die überakzentuierende Bühnenaussprache verwirrt, und wie es jemandem ergehen würde, der Gestik und Gehabe ernst nimmt, wäre selbst schon wieder Stoff für die Bühne. Theater also sind ungesund, sie vernichten einen auf Monate. Gründe genug, von einem Theaterbesuch entschieden abzuraten, da muß man die aufdringlich präsenten, immer an den falschen Stellen lachenden, in dicke Parfümwolken gehüllten Sitznachbarn gar nicht bemühen. Wer ins Theater geht, ist aufgesessen, aufgesetzt und ausgesetzt - nicht zuletzt der Gefahr, von einem regietheaternden Ausfluß in einen Abguß gespült zu werden, den so weder Autor noch Stück gelegt hatten.

          So gebricht es an der Zeit, der immer laut und wichtig tönenden Institution einmal kurz die Luft anzuhalten, um für etwas Wind zu machen, das im Buchmarkt zusehends abzusaufen droht, obwohl es eine atemlose, berauschende Lektüre verspricht: das Stück. Verleger schrecken gleich zurück. Stücke, so ihr einseitiges Argument, verkaufen sich nicht mehr. Das ist schade, und Franz Schuh, der die hier zu besprechende Komödiensammlung mit einem brillanten Nachwort bereichert, erklärt, warum: "Die Lektüre von Theaterstücken ermöglicht einen unmittelbaren Umgang mit der Unkörperlichkeit der Figuren. Man sieht sie allein vor dem geistigen Auge. Das Stück leidet unter den furchtbaren Einfällen des Regisseurs. Die Schauspieler sind beschwert von den realen Persönlichkeiten, die sie außerhalb der Rollen, in die sie sich zwängen müssen, darstellen." Das Stückelesen aber erzeugt eine Intensität und eine Präsenz, wie sie auf der Bühne nur in Ausnahmen erreicht werden kann.

          Also ist der editorische Wille, Theaterstücke zu vertreiben, des Lobes wert. Und wenn es sich dann noch um Dramen des venezianischen Komödiendichters Carlo Goldoni (1707 bis 1793) in einer Übersetzung von H. C. Artmann (1921 bis 2000) handelt, kann eigentlich, so wird man sich beim Residenz Verlag gedacht haben, der Applaus nicht ausbleiben. Ein Heimspiel, aber auch das kann man verlieren.

          In einem fast 600 Seiten starken Buch, dessen Cover ein H. C. Artmann ziert, der aussieht, als ob er im Schleich, wie man in Wien den Schwarzmarkt nennt, faule Eier verkaufen wollte, sind fünf Stücke versammelt, in denen diverse Untugenden zur Blüte gebracht werden, die als Keim wohl in jedem stecken. Grobiane, Lügner, Spielsüchtige, Haustyrannen und Geizhälse bevölkern Goldonis Bühne, um mit Verve und Witz die Erbärmlichkeit jener vorzuführen, die an ihrer eigenen Selbstinszenierung kläglich scheitern. Beim "Impresario von Smyrna" sind es die eitlen Schauspieler und Sängerinnen, die lieber bereit sind, eine ganze Produktion fallenzulassen, als Abstriche in ihrer Eitelkeit zu akzeptieren. Das Stück handelt von der Hoffnung, die, wo sie auch auftaucht, der Mensch gleich auf sich selbst gerichtet sieht. Dabei ist die Hoffnung eine Farce, dem Impresario von Smyrna selbst geht es gar nicht ums Theater, sondern einzig um die Möglichkeit, über das Mäzenatentum billig an Frauen heranzukommen. Leider kommt es nicht soweit. Im "Lügenbold" verfängt sich der notorische Lügner Lilio, im Bestreben, die schöne Rosaura zu erobern, zusehends im Netz seiner, wie er sie nennt, "geistreichen Erfindungen", um sich am Ende selbst um ebenjene schöne Rosaura zu reden, die ihm, freilich ohne daß er davon gewußt hätte, sowieso als Braut zugedacht gewesen war. Ähnlich wie beim Impresario zerfallen auch Lilios Lügengebäude zu nichts. Niemand profitiert, den Schaden hat nur er. Hatte der Impresario von Smyrna ein Intermezzo Pietro Matastasios zum Vorbild, verarbeitete der Lügenbold Corneilles "Le menteur". Auch das hier ebenfalls vertretene, bekannteste Stück Goldonis, "Der Diener zweier Herren", war eine Fortschreibung. Das Stück von Jean Pierre des Ours de Mandajors wurde 1723 in Paris uraufgeführt und zwanzig Jahre später dem Advokaten Goldoni als Stoff angetragen. Der siebenunddreißigjährige Goldoni feierte damit einen solchen Erfolg, daß er es riskieren konnte, seine gesicherte Existenz gegen das große Theaternichts zu tauschen. Jenes Nichts, das vielleicht im "Impresario" und im "Lügenbold" mitgemeint gewesen ist und das später die Romantik viel beschäftigen sollte.

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