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Rezension: Belletristik : Die Fische des Konjunktivs

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Schwimmen im Aspirin-Rausch - Oskar Rabsch bittet zum Tanz

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          Es kommt nicht oft vor, daß man nach der Lektüre eines Buches das Bedürfnis verspürt, sich den Magen auspumpen zu lassen. Da muß der Verfasser schon Mediziner sein wie Udo Oskar Rabsch, der als Arzt in Stuttgart praktiziert und als Romanschriftsteller zum "Tanz" bittet. Sein Held, ein Mann namens Schmidt, genannt "der Mulatte", konsumiert im Laufe der Geschichte solche Mengen an Aspirin, Kaffee und Coca-Cola, daß am Ende die Eingeweide des Lesers sympathisierend auf dem Zahnfleisch gehen. Ein schiefes Bild? Gewiß. Aber wer Rabsch gelesen hat, den können die schrägsten Metaphern, die waghalsigsten Vergleiche nicht mehr schrecken.

          Wie bescheiden nimmt sich doch das eigene wortmalerische Vermögen gegen diese geballte Sprachwut aus: "Das Gelb der Leber und das Blau des Herzens tobten auf den Lippen der Kranken herum." Oder: "Der heilige Körper des Lebens flatterte mit seiner linken Hälfte über dem Talkessel. Die Asphaltstraßen brüsteten sich mit einem Lächeln." Hauswände schwingen sich "wie Turner in die Nacht", und das Knochengerüst einer Frau wird "allein im Gleichgewicht gehalten durch das säulenhafte Rot eines Lippenstifts". Wen wundert es da noch, daß Blicke zerflattern, "himmelwärts oder hinunter in das komplementäre Gedankengas des atlantischen Oceans", wo bereits "die bunten Fische des Konjunktivs" herumschwimmen? "Das Ganze" ist, um es mit den Worten des Dichters zu sagen, "das fatale Loch seiner Bestandteile".

          Die Bestandteile des Loches sind durch einen etwas struppigen Handlungsfaden verknüpft. Mulatte Schmidt, vom Leben beleidigt, politisch enttäuscht, leicht hirngeschädigt und darob dem Aspirin-Mißbrauch verfallen, kehrt aus dem kubanischen Exil ins heimatliche Stuttgart zurück, wo der Bürgerkrieg zwischen Etablierten und Entrechteten ausgebrochen ist. Sein Onkel, der zur lokalen Baumafia gehört, bringt ihn als Wachmann und Spitzel im Haus einer Frauenkooperative unter, bei der nicht nur Tangokurse, sondern auch Waffenschiebereien an der Tagesordnung sind. In Erwartung einer vom Baulöwen zu bezahlenden Gehirnoperation dümpelt der Heimkehrer in den sozialen Niederungen des Bezirks, fummelt ein wenig an den kooperativen Frauen herum, verliebt sich mühsam in die Tanzlehrerin Mizzi Kowalski und macht bis zur finalen Schießerei seine Beobachtungen in der blütenreichen, aber keineswegs komisch gemeinten Prosa seines Erfinders.

          Ziemlich genau in der Mitte des Buches bleibt dem Helden ein Aspirin im Rachen stecken. Danach geht es ohne Schluckbeschwerden weiter. Das zeugt jedenfalls vom Symmetriesinn des Autors, der schon vier Romane veröffentlicht hat und von seinen Fans als einer der letzten Abenteuerschriftsteller geschätzt wird. Mäkelige Literaturkritiker trösten sich mit dem Chor der Schulkinder aus Kafkas berühmter Mediziner-Erzählung: "'s ist nur ein Arzt, 's ist nur ein Arzt." KRISTINA MAIDT-ZINKE

          Udo Oskar Rabsch: "Tanz". Roman. Claudia Gehrke Konkursbuchverlag, Tübingen 1995. 364 S., geb., 39,80 DM.

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