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Rezension: Belletristik : Die chinesische Erbschaft

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Man darf ihn nicht vergessen: Ein Paket Eça de Queiroz

          Der Aufbau Verlag in der damaligen DDR hatte lange Zeit eine in den fünfziger Jahren schon begonnene sehr reichhaltige Ausgabe des berühmten portugiesischen Erzählers José Maria Eça de Queiroz im Programm. Nicht immer ist ganz auszumachen, warum das Werk dieses doch so wunderbar versnobten Autors der DDR druckenswert schien; hinweisen ließe sich allenfalls auf eine ältere Übersetzung von Eça de Queiroz' Erstling "Das Verbrechen des Paters Amaro", sie erschien 1930 im Neuen Deutschen Verlag in Berlin, der Übersetzer war Thomas Schlichtkrull, und in einem ausführlichen Vorwort feiert ein Gerhart Pohl den Roman als aufklärerisch und glänzend antiklerikal. Auch habe sich, sagt er, der Autor als Konsul in Havanna sehr für die Unterdrückten eingesetzt.

          Wie immer auch, aus dem Fundus der großen Ausgabe jedenfalls schöpft der heutige Aufbau Verlag, wenn er nun vier Taschenbücher mit einigen Romanen und längeren Erzählungen des Autors herausgibt. Greifbar sind da jetzt wieder erstens jener Erstling, "Das Verbrechen des Paters Amaro", in einer Übersetzung von Willibald Schönfelder (das Buch, um ein unbekanntes mit einem nicht viel besser bekannten zu erklären, erzählt eine ähnliche Geschichte wie Zolas von Fontane so geschätzte "Sünde des Abbé Mouret", es trifft sich da auch schön, daß beide Romane aus demselben Jahre 1875 stammen).

          Zweitens gibt es, von Rudolf Krügel vollständig übersetzt, jenen "Vetter Basilio", den vor ein paar Jahren Enzensberger in seiner "Anderen Bibliothek" in einer - auch nicht übel und wenigstens ein hübsches Experiment in Sachen Roman - auf die Hälfte eingedampften Version vorgelegt hatte. Das ist einer dieser großen Ehe-und vor allem Ehebruchsromane, in denen das klug gewordene Jahrhundert damals brillierte, man muß an Flaubert, an Fontane, an den großen Clarín denken.

          Dann, drittens, ist jetzt wieder "Die Reliquie" da, ein etwas rätselhaftes Werk, das sich mittendrin aus einer lässigen Satire auf die herrschende Bigotterie unerwartet in eine sei's nun symbolistisch-wirre oder beinahe surrealistische und wenigstens leicht verstörende Phantasmagorie auf die letzten Tage Jesu verwandelt und dann, fast gleichmütig, wieder zurück in die Satire. Und schließlich, gerade einhundert Seiten stark, ist da noch "Der Mandarin", Eça de Queiroz' süffisante Version jener alten Geschichte, worin ein Mann durch den bloßen Wunsch - hier ist der Teufel in persona im Spiel - im fernen China einen reichen Mandarin umbringen und beerben kann.

          Diese vier Bücher also gibt es nun wieder. Das heißt: seit sie damals bei Aufbau zu haben waren, das heißt aber auch: seit sie, mit andern Werken des Autors zusammen, in sehr schön gemachten Paperbacks bei Piper in München zu kaufen waren, in den achtziger Jahren und noch Anfang unsres Jahrzehnts. Und vor allem gab es dort damals noch zwei große Werke, die man jetzt, wo man wenigstens einiges also wieder lesen kann, um so schmerzlicher vermißt (denn bei Piper hat sich nichts getan), nämlich "Die Maias" von 1888 und "Das berühmte Haus Ramires" aus dem Jahre 1900, beide für viele Leser neben dem "Vetter Basilio" die großartigsten Romane des Autors: sehnsüchtig machend, voll eines vergangenen, schmerzlich-schönen Lebens das frühere, faszinierend in seinem schwebenden Ton das spätere. Hier, um die Jahrhundertwende, hat der europäische Roman jenen Gipfel der Subtilität erreicht, auf dem es wirklich die Kommenden dann nicht hätten aushalten können, man denke an Fontanes "Stechlin", an Bangs "Graues Haus", an die späten Romane von Henry James. Ein kleiner Hinweis zum Schluß noch auf Eça de Queiroz' letztes Buch, "Stadt und Gebirg", dem jener Gerhart Pohl damals, 1930, eine allzu passive Zivilisationsmüdigkeit glaubte ankreiden zu sollen - dieses schöne Buch, in Meyer-Clasons Übertragung, war bis vor kurzem noch bei Manesse zu haben: Wohl dem, der es noch irgendwo findet. ROLF VOLLMANN

          José Maria Eça de Queiroz: "Das Verbrechen des Paters Amaro". Aus dem Portugiesischen übersetzt von Willibald Schönfelder. 537 S., br., 22,- DM.

          "Vetter Basilio". Aus dem Portugiesischen übersetzt von Rudolf Krügel. 499 S., br., 18,- DM.

          "Die Reliquie". Aus dem Portugiesischen übersetzt von Andreas Klotsch. 293 S., br., 16,- DM.

          "Der Mandarin". Aus dem Portugiesischen übersetzt von Willibald Schönfelder. 116 S., br., 12,- DM. Alle im Aufbau Verlag, Berlin 1997.

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