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Rezension: Belletristik : Die Buddelmeyers

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Gute Dichter, böse Dichter: Hansers Sozialgeschichte der Literatur

          Ein bißchen Abwechslung muß sein. Auch Hansers Sozialgeschichte der deutschen Literatur hat ihre umfangreichen Einzelbände nicht nur mit Sozialgeschichtlichem bestritten. Eine Dachluke zur "Bewußtseins"- beziehungsweise "Mentalitätsgeschichte" wurde offengehalten. Im Band zur Weimarer Republik gab es einen informativen Essay über den "Habitus der Romantik", der sich unbekümmert den Genies und ihren Gipfelwerken zuwandte. Im neuen Band "Zwischen Restauration und Revolution" (1815 bis 1848) hat man sich allerdings auf die Ursprünge besonnen und das sozialkritische Korsett wieder eng geschnürt. Oft sehr flache Atmung ist das Resultat.

          Ganz unerwartet kommt das nicht. Die Restaurationszeit war schon in den siebziger Jahren bevorzugtes Gebiet für Barrikadenträume und kritische Ersatzhandlungen. Zum einen bietet die Epoche die strahlenden Ikonen Heine und Büchner, zum anderen eine malerisch düstere Kulisse von Reaktion und Repression. Ihr politischer Repräsentant Metternich hat sich vor allem durch die Zensur des Geisteslebens bei der Nachwelt blamiert.

          In jenen lebensgefährlichen Jahren mochte die geschmähte Ära Sehnsucht wecken. Metternichs Versuch, die geschichtliche Dynamik stillzustellen, war nicht finsterer Despotismus; er entsprach psychologisch dem Ruhebedürfnis nach den Wirren und Umbrüchen der Revolutions- und Kriegsjahrzehnte (Metternich selbst sah sich als "Arzt im Weltspital"); es war eine vergleichsweise friedliche Epoche, in der Studentenfeste und -proteste schon historische Einschnitte bildeten, Biedermeier.

          Friedrich Sengle hat mit seiner Monumentalstudie "Biedermeierzeit" die schwer überbietbare literaturwissenschaftliche Gesamtdarstellung geliefert. Der charakteristischen Ernüchterung nach dem historischen Überschwang, nach Idealismus und Romantik, dem zeittypischen Rückzug ins Kleine und Familiäre wird hier nicht mit Mißtrauen begegnet, sondern mit einem seltenen Tiefenblick für die Grundstimmungen und die Entwicklungen von Formen und Darstellungsmitteln. Sengles detailversessene Ausführlichkeit richtete sich gegen politische Schwarzweißmalerei und wertete die Literatur im Übergangsfeld zwischen überschattender Goethe-Zeit und jahrhundertprägendem Realismus auf.

          Vor diesem Hintergrund werden die Mängel der neuen Sozialgeschichte deutlich. Sie ist selber angesteckt vom Geist der Trivialliteratur, die sie mit Vorliebe untersucht. Gut und böse sind aufgeteilt wie in den "populären Lesestoffen", denen Hainer Paul und Ulrich Schmid in ihrem Beitrag die "Merkmale des Trivialen" abgehorcht haben. Auf der einen Seite stehen heroisch die "fortschrittlichen Geister der Epoche"; halb jämmerlich und halb gefährlich auf der anderen das "Amalgam von Obrigkeitsergebenen und Kirchenfrommen, Romantikern und Krautjunkern, Biedermännern und Opportunisten", die sich in "konterrevolutionärer Panikmache" gefallen.

          Am Anfang gibt es den üblichen sozialgeschichtlichen Abriß, danach wird das Übel nur noch formelhaft beschworen: "spätfeudale Impertinenz deutscher Kleinstaaterei", "Zwänge des restaurativen roll back", "steinerne Allianz der Beharrung", "politische Winkelverhältnisse", an denen man sich "auf Schritt und Tritt Kopf und Füße wund stieß". Beim zwanzigsten Mal kann man es nicht mehr hören.

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