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Rezension: Belletristik : Die begeisterte Biene

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Bitte nicht so überspannt: Bettina von Arnims Briefe an Philipp Hössli

          Der Prinz Louis Ferdinand von Preußen machte einmal über einen ihm bekannten Diplomaten die hübsche Bemerkung: "Brinckmann ist wirklich göttlich, die Liebenden schreiben der Liebe wegen, der liebt der Briefe wegen." Man darf dieses Bonmot auf Bettina von Arnim übertragen, die 1833 von Fürst Pückler in einem ziemlich barschen Brief den Kopf gewaschen bekam: "Wenn ich früher sagte, ich wollte mir recht gern Leidenschaftlichkeit gefallen lassen, so habe ich darunter doch nur eine leidenschaftlich ergebene Freundschaft . . . verstanden, aber nicht die dithyrambische Raserei einer achtzehnjährigen Bacchantin mit bloßer Gehirnsinnlichkeit, die noch obendrein nur künstlich heraufgeschraubt ist und jeden Augenblick beliebig beiseite gelegt oder auf einem anderen Instrument abgespielt werden kann."

          Beide Zitate begleiteten meine Lektüre von Bettinas Briefen an Philipp Hössli. Der junge Schweizer, 1800 in Graubünden geboren, war 1821 nach Berlin gekommen, um hier Jura zu studieren. Durch Friedrich Karl von Savigny, dessen Vorlesungen er gleichzeitig mit Heine besuchte, lernte er Savignys Schwägerin Bettina von Arnim kennen. Man kam sich sehr schnell näher bei Gesprächen über Kunst und Künstler, gemeinsamem Musizieren, gemeinsamem Zeichnen. Als Hössli dann sein Studium in Göttingen fortsetzte, korrespondierte man miteinander. Die 37 Jahre alte Bettina, die in ihren Beziehungen zu Achim von Arnim gerade eine Krise erlebte, hatte in Hössli ein dankbares Objekt für ausgedehnte Liebesdithyramben gefunden.

          Man muß schon von einem Objekt sprechen. Die brieflichen Liebesbekundungen waren einzig Papier, der Adressat blieb austauschbar. "Wundere Dich nicht über mich. Es ist der Umgang mit Göttern, den ich suche, und die Du, Glücklicher, wenn Du dies Glück zu würdigen weißt, jetzt beherbergst: Jugend, die noch kein Joch getragen, Schönheit, die unbefleckt, unberührt, noch in dem Keim verhüllt in Dir wohnt." Oder: "Warum ich auch heute noch keinen Brief von Dir erhalten? Ich dachte so gewiß, Du würdest bald schreiben, um auch bald wieder einen Brief von mir zu haben. Ist Dir bange vor meiner Liebe?"

          Was Bettina hier als "Liebe" bezeichnet, das hatte, wie Pückler richtig erkannte, in der Tat einiges mit "Gehirnsinnlichkeit" zu tun. Denn ihr Partner war ihr als Individuum ziemlich gleichgültig, er lieferte der alternden Frau Inspirationen über die Liebe, einer Liebe allerdings, die sich in blumigen Phrasen erschöpfte, und darin war die Verfasserin wirklich verliebt, nicht in Philipp Hössli.

          "Nenne mich Du im Herzen, wenn auch nicht in Briefen", verlangte sie, denn Ehemann Achim von Arnim las die Post seiner Frau und hätte auf falsche Gedanken kommen können. "Ich bedarf einer anderen Liebe, als auf dieser Erde gespendet und genossen wird, und ob Du auch eine klagende Stimme in diesen Briefen vernimmst." Der junge Schweizer, als exotischer Naturbursche in Berlin herumgereicht, wurde von ihr über das rechte Verständnis ihrer Briefe belehrt: "Wenn Du nun auch nichts in dem rhapsodischen Briefe erkennen kannst, was Händ' und Füße hat - (denn Du bist vielleicht einer von denen, der nichts begreiflich findet, als was Händ und Füße hat) - so erkenne zum wenigsten darin einen Geist, der die göttliche Natur im Menschen liebt, der sie erhalten will, der den Menschen zum reinen Tempel nach göttlichen Gesetzen oder nach den prophetischen Empfindungen göttlicher Orakel aufbauen will." Denn: "Dein Leben war mir eine Aufgabe: ich sollte es mit Geist durchtauchen."

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