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Rezension: Belletristik : Die allerkomischste Geschichte

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Ford Madox Ford schafft bedrückende Wahlverwandtschaft

          5 Min.

          "Eduard - so nennen wir einen reichen Baron im besten Mannesalter - Eduard hatte in seiner Baumschule die schönste Stunde eines Aprilnachmittags zugebracht", aber dann war's auch schon vorbei mit dem beschaulichen Leben an der Seite seiner Frau Charlotte. Eduards Freund Otto, der "Hauptmann", und Charlottes Mündel Ottilie, "das Kind", standen ins Haus, und das Schicksal nahm seinen Lauf - nach den Gesetzen der Scheidungen und Verbindungen in der Natur, die mit den Geboten der Sittlichkeit so oft kollidieren.

          Und schon sind wir, via Goethes "Wahlverwandtschaften", in eine hundert Jahre spätere Geschichte eingetreten, einen englischen Roman, der zum Großteil nicht allzu fern von Goethes imaginärer mitteldeutscher Landschaft spielt, nämlich in Bad Nauheim am Taunusrand: Hotel Exzelsior, das Kasino, der Kurpark, "das Plätschern der Fontänen aus dem Mund der steinernen Delfine" - hier trifft sich am Ende der Belle Époque die vornehme Welt, und Frankfurt liegt ganz nahe, wo man - es muss einmal gesagt werden - "so gut angezogen ist wie in Paris".

          Zu denen, die in jedem Sommer ein paar Monate in Bad Nauheim verbringen, gehören seit 1904 auch zwei befreundete Ehepaare, der englische Gentleman Edward Ashburnham mit seiner Frau Leonora, beide Anfang dreißig, und der amerikanische Millionär Dowell (der Erzähler) mit seiner Frau Florence. So wie Eduard und Ottilie in den "Wahlverwandtschaften" an Kopfweh leiden, leiden Edward und Florence an Herzschwäche oder behaupten dies. Vor allem die dreißigjährige Florence, die sich seit der Hochzeitsnacht ihrem Mann verweigert, bedarf dringend der Schonung. In Wahrheit ist sie schon 1904, kaum dass sie Edward in Bad Nauheim kennen gelernt hatte, seine Mätresse geworden. Davon ahnt Mr. Dowell, ihr Mann und Pfleger, nichts - bis zu jenem verhängnisvollen Tag im August 1913, der der Angelpunkt der Geschichte ist. Dowell begreift überhaupt sehr wenig und macht aus dem "Ich weiß nicht" ein Leitmotiv, wenn er uns diese Geschichte erzählt, nachdem sie - zusammen mit der guten alten Zeit - ein böses Ende gefunden hat. (Der 1913/14 geschriebene Roman erschien 1915, aber nicht unter dem von Ford Madox Ford gewünschten Titel "The Saddest Story", sondern patriotisch "The Good Soldier" benannt.)

          Florence war keineswegs die erste Leidenschaft Edwards. Er begann bescheiden mit einem Dienstmädchen und steigerte sich über eine Kurtisane zu den "anständigen" Frauen. So landete er in dem Bett, das dem guten Mr. Dowell versagt blieb. Dieser richtete seinen - nachträglichen - Hass nicht etwa auf den Verführer, dessen Libertinage er sogar als Lauterkeit deutete, zum Beispiel so: "Edward war ein so ernsthafter Mensch", er glaubte, wenn er seine Hand auf die einer Frau lege, gebe ihr das "einen unabdingbaren Anspruch darauf - verführt zu werden". Und waren seine Verführungen nicht Vorwände für Schuldgefühle? Außerdem machte Florence ihm ja das Leben zur Hölle. "Von früh bis spät verlangte sie, dass er sie küsste." Im Banne solcher Betrachtungen verliert sich der anfängliche Hass des Betrogenen auf die treulose Frau.

          Ähnlich verhält sich die betrogene Leonora, die natürlich alles weiß, aber weiterhin mit Florence, der "Hure", freundschaftlich verkehrt, während sie Edward mit besitzgierigem Hass belauert, als Katholikin stets darauf aus, den Gatten, dem Gebot ihrer Seelsorger folgend, "zurückzuholen" - notfalls dadurch, dass sie ihm seine Liebste förmlich ins Bett legt. Denn schlimmer als die Untreue des Fleisches ist die der Seele. Im Übrigen spielt der Geschlechtstrieb bei keinem der Beteiligten eine entscheidende Rolle, jedenfalls nicht in den Augen des Erzählers. Darin gleicht diese Geschichte wiederum jener anderen, hundert Jahre älteren, wo bekanntlich nur ein Geschlechtsakt vollzogen wird, ein ehelicher, an dem aber die beiden Geliebten imaginär beteiligt sind. Das überbietet die Erotik der traurig-komischen Geschichte, vor allem, was Mr. Dowell betrifft, der die perfekte Leonora zwar liebt, aber nicht begehrt. Er schiebt das, so ist er eben, auf Leonoras Schultern: "Wenn ich sie ansah, hatte ich das Gefühl, diese Schultern müssten, sollte ich je meine Lippen darauf drücken, kühl sein - nicht eisig, aber, wie man von Bädern sagt, erfrischend." Zu Bad Nauheim passend.

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