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Rezension: Belletristik : Dichter sind Dornauszieher

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"Die Schweizer Korrektur": Eine lyrische Poetik in drei Stimmen

          3 Min.

          Vorbei die Zeiten, da der ungestüme Rolf Dieter Brinkmann die Parole ausgab: "Man muß vergessen, daß es so etwas wie Kunst gibt! Und einfach anfangen." Manch einer nahm das allzu wörtlich, und so gab es nicht nur viele schlechte Gedichte, sondern auch die ebenso schlechten Rechtfertigungen einer scheinbar spontanen Praxis. Nach dem Verebben der Alltagslyrik begann man in den achtziger Jahren das Fehlen einer Lyrik-Diskussion zu beklagen. Zwischen einem postmodernen "Anything goes" und dem Rückgriff auf tradierte Formen blieb die Poesie mit ihrem Überleben beschäftigt. Erst neuerdings erscheinen wieder Versuche, dem an den Rand gedrängten Gedicht eine aktuelle Theorie zu geben.

          Der jüngste ist einer der interessantesten. Er firmiert als "Die Schweizer Korrektur". Wer korrigiert da was? Der etwas mysteriöse Titel erklärt sich aus einem Arbeitsaufenthalt der Lyriker Durs Grünbein, Brigitte Oleschinski und Peter Waterhouse im schweizerischen Leukerbad. Urs Engeler hat die Resultate gesammelt und als eine Art poetologische Partitur herausgebracht. Der vierspaltig gesetzte Band präsentiert als Diskussionsgrundlage drei schon zuvor entstandene Essays. Dazu aber - und das ist das Ungewöhnliche - die Randbemerkungen, eben die "Korrekturen" der Kollegen zum jeweiligen Text. Die verbleibende vierte Spalte sollte offenbar nicht leer bleiben, der Editor bestückte sie mit Zitaten aus den Essays der Lyriker - hier wäre sonst Platz für die Notizen des Lesers gewesen.

          Wie auch immer: das Buch ist eine höchst bemerkenswerte Poetik in Stimmen, interessant in den Modulationen der drei Essays und geradezu aufregend in den "Korrekturen", die vom knappen Apropos bis zur ausschweifenden Digression reichen. System, These oder Dogma wird man nicht erwarten oder befürchten. Und auch keine rigide Trennung von Poesie und theoretischem Diskurs.

          Brigitte Oleschinski fragt denn auch skeptisch: "Kann es denn das, was wir hier versuchen, überhaupt geben? Eine Poetik außerhalb der Gedichte nämlich." Natürlich sind die essayistischen Texte - als Prosa - bereits eine Antwort. Dennoch ist die Spannweite der Möglichkeiten beträchtlich. Durs Grünbein hält am ehesten an einer deutlichen Arbeitsteilung fest. "Mein babylonisches Hirn" ist bei aller Subjektivität ein Plädoyer für das Gedicht als "Gedächtnismaschine, präzis wie ein Insektenauge, eine Maschine zum Wiederfinden gelebter Zeit". Brigitte Oleschinskis Text handelt von "Baustellen, Wespen, Abendgeruch" und akzentuiert das Gedichteschreiben als körperlichen Bewegungsimpuls, als Angstlust der Schwellenüberschreitung. Sie ist es auch, die an die Wortwurzel von Theorie erinnert, an das "Zuschauen".

          Peter Waterhouse schreibt über "Gedichte und Teillösungen" und vermeidet so die These, daß Gedichte jene Teillösungen sind. Aber was sind sie? Waterhouse entfernt sich am weitesten vom Theoriediskurs. Er reiht Beobachtungen, Bilder, Erfahrungen aneinander, und im Lesen geht einem auf, daß dies alles auch mit dem Dichten zu tun hat: "Wir führen ein Gespräch. Es ist immer ein Singen dabei."

          Kein Wunder, daß vom poetologisch getönten Prosagedicht kein direkter Weg zu Argumentation und "Korrektur" führt. Waterhouse verweigert sich dem, was man Diskussion oder Auseinandersetzung nennt. Er setzt in seine Anmerkungsspalte haikuähnliche Dreizeiler, Anlässe zur Meditation. So bleiben die "Korrekturen" Durs Grünbein und Brigitte Oleschinski überlassen. Sie machen um so mehr davon Gebrauch, unpolemisch, kollegial, aufmerksam und genau in der Differenz.

          Kleine Unterschiede trennen poetologische Welten. Wenn Grünbein seine Gedichtmaschine präzis wie ein Insektenauge wünscht, so modifiziert Oleschinski das in "Insektenfühler". Grünbein wiederum präzisiert für sich, was auf der von Oleschinski etablierten inneren Bühne vorgeht: "Sind es die Worte, die das Gedicht machen, oder sind es die Ideen?" Seine Antwort gibt präzis das Ideal der eigenen Poesie wieder: "Ein Maximum an Idee bei einem Minimum an Worten, dabei die größte Theatralität im Kommen und Gehen der Motive, das ist es, was das Gedicht, sekundenlang, allen anderen Formen voraushat."

          Kein Lamento also über die gesellschaftliche Randstellung des Gedichts, sondern ein mal pathetisches, mal skeptisches Vertrauen in die Möglichkeiten der Poesie. Und wer nicht so weit geht wie Waterhouse ("Gedichte geben das Sichere und Gute"), der halte sich an Grünbeins "Dichter sind Dornauszieher". Den "laufbehinderten Burschen" am Wegrand gehört auf jeden Fall unser Interesse. HARALD HARTUNG

          Durs Grünbein / Brigitte Oleschinski / Peter Waterhouse: "Die Schweizer Korrektur". Hrsg. von Urs Engeler. Urs Engeler, Editor, Basel 1995. 134 S., geb., 36,- DM.

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