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Rezension: Belletristik : Diagnose Ruhmsucht

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Nachdem Christine Angot und Catherine Millet durch erotische Bekenntnisprosa Sensationserfolge feiern konnten, schlägt Nelly Arcan mit ihrem Roman "Hure" sozusagen in die gleiche Kerbe. Sie verbindet den inneren Monologstil Angots, die den Inzest literarisch zu verarbeiten versuchte, mit Millets Gegenstand: der sexuellen Gier.

          Nachdem Christine Angot und Catherine Millet durch erotische Bekenntnisprosa Sensationserfolge feiern konnten, schlägt Nelly Arcan mit ihrem Roman "Hure" sozusagen in die gleiche Kerbe. Sie verbindet den inneren Monologstil Angots, die den Inzest literarisch zu verarbeiten versuchte, mit Millets Gegenstand: der sexuellen Gier. Doch während Millet in ihrer von Reflexionen durchbrochenen Reportage aus dem Swingerklub-Milieu der siebziger Jahre noch Einblick in eine Welt der klassenüberspannenden Promiskuität gewährte, situiert die in Montréal lebende Kanadierin Arcan ihr Buch in einem historischen Niemandsland. So vage die Außenwelt bleibt, so überdeterminiert ist die Erzählerin.

          Alles, was ein lüsterner Sinn an Klischees mit der Dirne verbinden mag, trifft auf das Callgirl Cynthia zu: Sie wurde von Nonnen erzogen, von der Mutter eifersüchtig ignoriert und vom religiösen Vater begehrt. Schon als Schulmädchen - in Uniform natürlich - sehnte sie sich danach, vergewaltigt zu werden. Sie studiert Literatur, haßt andere Frauen, gibt gerne viel Geld aus, grübelt über den Selbstmord und sehnt sich danach, von ihrem Vater, ihren Dozenten und ihrem Psychoanalytiker beschlafen zu werden. Wenn irgendein Faden in der heillosen Sturzflut dieser ichzentrierten Litanei zu finden ist, dann sind es die Therapiestunden, die Cynthia in ihrem von Seminaren und Freiern vollgestopften Stundenplan unterbringt. Da "die Analyse zu nichts führte", will sie "niederschreiben, was ich mit aller Kraft verschwiegen hatte". Wir haben es bei diesem "Roman" demnach mit der ungeordneten Rede einer Couchpatientin zu tun, die sich in öffentliche Behandlung begeben hat. Dabei sucht sie offenbar keine Heilung, sondern Mitleid. Glauben sollen wir, daß sie durch irgendein psychisches Handicap, das der Arzt nicht finden konnte, ins Martyrium der sexuellen Selbstausbeutung gezwungen wurde. Angesichts der eintönigen Schilderung ihrer Qualen meint man es mit einer verschleppten Zwangsprostituierten zu tun zu haben. Doch dann hagelt es wieder Versicherungen der Lust, die Cynthia bei der aus freien Stücken gewählten Arbeit empfindet.

          Nur in einem Punkt ist "Hure" schlüssig, denn das Buch gibt seinen Entstehungsgrund unverfroren an: Er ist die Selbstliebe. Pathologisch an dieser verschenkten Chance, den Alltag der Prostitution literarisch urbar zu machen, ist der grenzenlose Narzißmus der Protagonistin. Der berufsbedingte Hunger, jeder Frau den Rang abzulaufen, hat sich schließlich bei ihr auch auf die geistigen Werte erstreckt. Obwohl das Studium für Cynthia nur "daraus besteht, Buchseiten umzublättern", beneidet sie ihre Geschlechtsgenossinnen darum, "sich Schriftstellerin nennen zu können".

          Dem wurde mit einem zähflüssigen Roman Abhilfe geschaffen, dessen größte Herausforderung an den Leser darin besteht, noch eine weitere Seite umzublättern. Gegenwärtig, erklärt die Erzählerin, "leide ich allerdings daran, daß ich meine Krankheit nicht benennen kann". Wie wäre es mit "Ruhmsucht"?

          INGEBORG HARMS

          Nelly Arcan: "Hure". Roman. Aus dem Französischen übersetzt von Holger Fock und Sabine Müller. Verlag C. H. Beck, München 2002. 191 S., geb., 19,90 [Euro].

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