https://www.faz.net/-gr3-3xwp

Rezension: Belletristik : Deutsche Denker im dreckigen Dutzend

  • Aktualisiert am

Seien wir ehrlich: Eigentlich wollen wir ein belletristisches Werk, das den Titel "Von den Deutschen" trägt, nicht lesen. Und wenn dann noch der notorisch mißbrauchte Caspar David Friedrich die Umschlagillustration hat liefern müssen, wird die ästhetische Schranke, die vor der Lektüre zu übersteigen ist, nahezu unüberwindlich.

          5 Min.

          Seien wir ehrlich: Eigentlich wollen wir ein belletristisches Werk, das den Titel "Von den Deutschen" trägt, nicht lesen. Und wenn dann noch der notorisch mißbrauchte Caspar David Friedrich die Umschlagillustration hat liefern müssen, wird die ästhetische Schranke, die vor der Lektüre zu übersteigen ist, nahezu unüberwindlich. Aber wie man bei den Deutschen zu sagen pflegt: Da muß man durch!

          Und sogleich wird man nach dem Titelblatt von dem Motto des Buches angenehm überrascht: "Nazionalkarakter ist Manier." So hat Jean Paul geschrieben, und wo Jean Paul den Türhüter spielt, kann es so ganz schlimm nicht kommen. Jean Paul will damit sagen, daß der Nationalcharakter jene spezifische Abweichung vom Menschheitlich-Universalen bezeichnet, an der man einen Menschen als Angehörigen einer bestimmten Nation erkennt. Aber Jean Paul war glücklicherweise kein Politologe, sondern ein Artist, und für einen um 1800 schreibenden Artisten war Manier zunächst und vor allem ein kunsttheoretischer Terminus, der ein künstlerisches Verfahren bezeichnet: jene spezifische ästhetische Abweichung, die einen Künstler charakterisiert und an der man einen Künstler erkennt.

          Das läßt hoffen. Demnach wäre nämlich der Nationalcharakter der Deutschen, von denen in diesem Buch erzählt wird, nicht Ausdruck eines nationalen Triebschicksals, dem jeder Deutsche unterworfen ist, sondern das Resultat eines artistischen Gestaltungswillens - die Deutschen: lauter Kunstfiguren! Und die künstlerische Manier, die hier am Werke ist, kennt man aus den Romanen "Libidissi" (1998) und "Barbar Rosa" (2001) sowie dem Erzählungsband "Anrufung des blinden Fisches" (1999) mittlerweile ziemlich gut: Es ist die Manier des Georg Klein, in der es, wie bei allen besseren Manieristen, ohne Ironie nicht abgeht. Schauen wir uns die Deutschen dieses Bandes also etwas genauer an.

          Es handelt sich um eine erstaunliche Truppe: um Riesen, Recken und Wichte. Unter diesen Kategorien versammelt Klein jeweils im Viererpack das dreckige Dutzend seiner Erzählungen. Man muß schon ein Ironiker sein, um den Nationalcharakter der Deutschen in Riesen, Recken und Wichten repräsentiert zu finden. Während die Deutschen, die wir so kennen, besonders in unserer lieben Stadt Berlin, in der nicht wenige dieser Geschichten spielen, schrecklich normale Leute sind, sind sie bei Klein über- und unterlebensgroß: Kunstfiguren eben - und wie alles, was im Dutzend angeboten wird, allzeit bereit, in Serie zu gehen. (Auch Kleins vorangegangener Erzählungsband versammelt bereits ein Dutzend Geschichten, die allesamt, wie in dem neuen Buch, Männergeschichten sind.) So will es uns denn von hoher Ironie erscheinen, daß der gute alte deutsche Kunstanspruch, der uns die lebenden Bilder dieser eigentümlichen Deutschen vor die Augen zaubert, gleichsam in femininer Brechung bereits im ersten Satz des Bandes benannt wird: "Mich hat die Kunst meiner Frau nach Chicago gebracht, und ihr Wagemut zog mich unter die schwarzen Balken der Baracken." Wo nun der Ich-Erzähler, den man in diesem Fall getrost dem Genre der Wichte wird zurechnen dürfen ("Ach, das will also Ihr Mann sein!"), auf den ersten deutschen Riesen trifft.

          Weitere Themen

          Mann der Möglichkeiten

          Retrospektive Peter Weibel : Mann der Möglichkeiten

          Peter Weibel hört beim ZKM in Karlsruhe nicht auf. Warum auch? Seine Retrospektive zeigt, dass er stets vorausahnte, was der Gesellschaft blüht. Als nächstes wären das die „Biomedien“.

          Vordenker des Rundfunks

          Dietrich Schwarzkopf gestorben : Vordenker des Rundfunks

          Dietrich Schwarzkopf war im öffentlich-rechtlichen Rundfunk ein Mann der ersten Stunde. Er hatte Sinn fürs Historische, hintergründigen Humor – und blickte voraus. Nun ist der frühere ARD-Programmdirektor im Alter von 92 Jahren gestorben.

          Topmeldungen

          Im Bahnhof der Stadt Hangzhou werden ankommende Passagiere aus Wuhan mit Infrarot-Thermometern untersucht.

          Coronavirus : Zahl der Toten auf 25 gestiegen

          Auch die Anzahl der Infizierten ist mit insgesamt über 800 Fällen seit gestern noch einmal deutlich angestiegen. Die Weltgesundheitsorganisation sieht dennoch bislang keinen internationalen Gesundheitsnotstand.
          Gefeiert wie ein Popstar: Heinz-Christian Strache am Donnerstagabend in Wien.

          Strache-Auftritt in Wien : „Hier steht das Original“

          Heinz-Christian Strache will in Österreich mit einer neuen „Bürgerbewegung“ in die Politik zurückkehren und seiner früheren Partei FPÖ das Leben schwer machen. Doch noch lässt er seine Anhänger zappeln – und vermeidet Festlegungen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.