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Rezension: Belletristik : Der wahre Wein des Lebens

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Quell der Trunkenheit: Die Autobiographie von Nuala O'Faolain

          Irische Schriftsteller haben Konjunktur. Gegenüber vielen ausgeklügelten, dünnblütigen literarischen Produkten der letzten Zeit bieten sie pralles Leben voller Herz und Schmerz, Leidenschaft und Verzweiflung. Und meistens sind ihre Werke auch noch "wahr". Fast ausnahmslos liefert die eigene Biographie ausreichend Stoff.

          Frank McCourt führt mit seinem Roman "Die Asche meiner Mutter" die irische Erfolgsserie an. Den Bericht seiner Landsmännin Nuala O'Faolain preist er als "wahren Wein des Lebens". Obwohl bei ihr die Armut nicht ganz so elementar und existenzbedrohend ist wie bei ihm selbst, finden sich viele Parallelen: der katholische Hintergrund, Kinderreichtum, Alkoholexzesse und die beispiellos rückständige Gesellschaft am Rande Europas.

          Nuala O'Faolain entschließt sich als Fünfzigjährige, über sich selbst zu schreiben. Sie zieht selbstkritisch und aufrichtig Bilanz: Sie ist eine bekannte Journalistin, die für BBC und angesehene Zeitungen gearbeitet hat, nach einem abgeschlossenen Studium in Dublin, Hull und Oxford an Colleges lehrt und viel in der Welt herumgekommen ist. Doch das, was in Irland noch immer als einzige Erfüllung und Bestimmung einer Frau gilt, kann sie nicht vorweisen: Sie hat weder Ehemann noch Geliebten und keine Kinder. Sie fühlt sich alt und ausgebrannt. In ihrer depressiven Stimmung kommt es ihr so vor, als ob alles, worauf sie zurückblicken kann, "ein einziges Scheitern war".

          Das ist es natürlich keineswegs, aber ihr Leben ist in ständigen Turbulenzen verlaufen, glückliche Zeiten wechselten sich ab mit tieftraurigen. Viel versprechende Beziehungen zu Männern und selbst die innige Freundschaft zu einer Frau, mit der sie fünfzehn Jahre zusammenwohnte, hatten keinen Bestand. Alkohol, der Albtraum ihrer Kindheit, wurde auch für sie eine zerstörerische Gefahr, obwohl das Vorbild ihrer Mutter und ihres ebenfalls an Alkohol früh gestorbenen Bruders sie eigentlich hätte abschrecken müssen. Trinken, um betrunken zu werden - die irische Krankheit, auch sie leidet zeitweise daran.

          Als Zweitälteste von neun Kindern mit Eltern, die außerstande waren, sich um die Familie zu kümmern, standen ihre Chancen schlecht. Vater und Mutter tranken, wurden gewalttätig und ließen ihre Kinderschar verwahrlosen. Obwohl der Vater als Journalist ein gesichertes Einkommen besaß, war der Gerichtsvollzieher Dauergast. Doch Nuala ist begabt, sie erhält Stipendien für die Schule und die Universität und nimmt jeden Job an, um das Ziel, das sie sich gesetzt hat, zu erreichen. Sie "glaubt ans Lernen".

          Lebendig schildert Nuala O'Faolain ihre Jahre in der Klosterschule oder das armselige Leben am Rande des Dubliner Slums. Sie hat Verständnis für ihre Mutter, die ihre Stunden im Pub unter Trinkern wie sie verbringt, wenn sie nicht in Büchern Zuflucht vor der Wirklichkeit sucht. Die irische Gesellschaft sieht sie mit kritischen Augen. Frauen waren bis in die siebziger Jahre von Gleichberechtigung so weit entfernt wie von einem fremden Stern, Sexualität war tabu, Armut erstickte alle Versuche, aus der Misere herauszukommen.

          Die Studentin schließt ihr Studium in Oxford ab. Sie findet Kontakt zur Londoner Bohème und bald zu Rundfunk- und Zeitungsredaktionen. Sie macht Interviews mit Schriftstellern und hat Erfolg mit sozialen Reportagen, aber sie ist unfähig, Einsamkeit zu ertragen. "Heirate mich!", fleht sie ihren langjährigen Freund vergeblich an. Von jeder neuen Beziehung erhofft sie sich nichts weiter als geliebt zu werden, eine ideale Gemeinschaft eben. Wenn sie wieder einmal verlassen worden ist, bricht für sie eine Welt zusammen.

          Über den privaten Katastrophen oder glückseligen Höhepunkten tritt die politische Entwicklung Irlands in den Hintergrund. De Valeras Vision von einem besseren Land, der Marsch der Arbeitslosen, die ersten Frauendemonstrationen der siebziger Jahre, die bürgerkriegsähnlichen Zustände in Nordirland - Nuala O'Faolain erwähnt sie nur kurz. Spät und eigentlich erst herausgefordert von der immer noch bestehenden Klassengesellschaft Englands, an der sie sich reibt, fühlt sie sich als Irin. Sie kehrt zurück nach Dublin, arbeitet dort für den Fernsehsender und die führende Zeitung Irlands. Sie wird so etwas wie die Stimme ihres Landes. Man kennt sie.

          Nuala O'Faolains Lebensbericht ist offenherzig und spontan, gleichzeitig aber auch nachdenklich und kritisch. In ihrem Heimatland stand sie wochenlang an der Spitze der Bestseller-Listen. Viele ihrer Landsleute fühlen mit dieser Frau, leiden mit ihr, lieben sie.

          MARIA FRISÉ

          Nuala O'Faolain: "Nur nicht unsichtbar werden". Ein irisches Leben. Aus dem Englischen übersetzt von Renée Zucker. Rowohlt Berlin Verlag, Berlin 2000. 253 S., geb., 36,- DM.

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