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Rezension: Belletristik : Der Versager

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Stewart O'Nans "Engel im Schnee" · Von Thomas Steinfeld

          In seinem Debütroman "Engel im Schnee" erzählt Stewart O'Nan eine Geschichte, die im Spätherbst 1974 in Butler, einer Kleinstadt im Westen Pennsylvanias, spielt. "Es gibt nicht viel zu sehen, das Geschäftsviertel, das sich dort konzentriert, wo die Route 8 zur Main Street wird, dann die Brücke, die Bahngleise, die sich am Connoquenessing entlangschlängeln, die blauen Blocks der Armco-Fabrik Straßen kreuzen und verbinden sich, Wälder teilen sich säuberlich, um die Überlandleitungen durchzulassen." In dieser Stadt geschieht ein Mord, und erst am Ende des Romans erfährt man, wer der Mörder ist. Geahnt hat man es längst. Denn diese amerikanische Provinz ist plan, und was immer dort passiert, scheint nach einem archaischen Muster einfach geradeaus und abwärts zu laufen. Es verbirgt sich in ihr kein Geheimnis des Banalen wie noch in David Lynchs "Twin Peaks". Dennoch erscheint sie ihren Bewohnern wie ein Rätsel. Aber das liegt daran, daß ihnen jede Distanz zu dem Schicksal fehlt, das ihnen widerfährt.

          In der Geschichte steckt eine Seifenoper, wenn es denn noch Melodramen gäbe, die am Rand des Existenzminimums spielten. Da ist der langhaarige Arthur Parkinson, vierzehn Jahre alt, Posaunist in der Blaskapelle seiner High School. Seine Eltern lassen sich scheiden, weil der Vater den Seitensprung der Mutter nicht verzeihen will. Später will der Vater zur Familie zurück, aber jetzt will die Mutter nicht mehr. Da ist die hübsche Annie Marchand, die früher auf den kleinen Arthur aufgepaßt hat. Sie arbeitet als Serviererin im Country Club und ist mit Glenn verheiratet. Aber sie hat ihn verlassen, als er arbeitslos wurde und vor dem Fernseher in Dosenbier und Trübsal versank. Barb ist ihre Freundin, aber Annie betrügt sie mit ihrem Mann Brock. Und dann gibt es noch Tara, die kleine Tochter von Annie und Glenn. Sie ertrinkt, als sie, für eine halbe Stunde allein gelassen, auf den zugefrorenen Teich läuft. Erzählt werden diese Geschichten mit großer Akribie, die sich ganz auf das konzentriert, was man mit Augen und Ohren wahrnehmen kann. Es ist, als wolle der Autor hinter die Anfänge der Psychologie zurückkehren.

          So fugenlos ist die amerikanische Provinz mit dem Unglück verbunden, daß Furcht und Mitleid keinen Halt finden. Nur Arthur, der kleine Posaunist, entkommt dem Schrecken, und aus seiner Perspektive ist einer großer Teil des Romans erzählt. Zu Beginn der Geschichte kehrt er, erwachsen geworden, nach Butler zurück, um das Weihnachtsfest bei seiner Mutter zu verbringen. Tatsächlich kommt hier keiner auf den Gedanken, die Stadt zu verlassen, um woanders sein Glück zu machen. Es ist Winter, der Schnee fällt auf die Stadt, auf der Schnellstraße dröhnen die Sattelschlepper vorbei, und Pittsburgh, zwanzig Meilen südlich gelegen, ist so weit entfernt, daß es ebensogut in New Mexico liegen könnte. Butler ist eine Insel. Um sie herum ist das Nichts, und die Romangestalten irren, in tausend Halbheiten verstrickt, darauf umher, als seien sie Figuren in einem Albtraum oder als habe ein Fluch sie an diesen Ort gebannt.

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