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Rezension: Belletristik : Der Verlorene

  • Aktualisiert am

Trauriger Traum: Fatos Kongolis Roman "Die albanische Braut"

          2 Min.

          Im letzten Augenblick merkt er, daß er gar nicht fliehen kann. Nicht vor Albanien und nicht vor sich selbst. Thesar Lumi verläßt den Ozeandampfer wieder und geht an Land. "Für jeden Menschen kommt einmal der Tag, da ihm scheint, er sei mit der Welt im reinen, der Kreis habe sich geschlossen, und es mache keinen Sinn mehr, noch weiter auf dem Vergangenen herumzukauen."

          Mit diesen Sätzen beginnt Thesar Lumi seine Geschichte. Er will nichts mehr. Allenfalls noch ein Bekenntnis. Der Kreis hat sich geschlossen. Ein Teufelskreis. Aus dem angekündigten Bekenntnis des Thesar Lumi wird eine Abrechnung. Eine Abrechnung mit dem nicht gelebten Leben. Und schon bei seinen ersten Sätzen, wenn er sich erinnert und Schneisen in den Nebel des Vergessens schlägt, hat man das Gefühl, hier schreibt sich einer frei, schreibt um sein Leben, atemlos und bedrängt von den Gespenstern der Vergangenheit.

          In kurzen Sätzen und mit vor Aufregung kippender Stimme erinnert sich Thesar. Sein Leiden begann in der Schulzeit, damals, als der junge Thesar zum ersten Mal merken mußte, daß es die anderen sind, die sein Leben in der Hand haben. Der Schuldirektor Xhoda, der ihn verprügeln durfte, ohne das Thesars Vater aufmucken konnte. Thesar spielt seine Rachegelüste auf eigene Faust aus, vergiftet den Hund von Vilma, der geliebten Tochter des Direktors. Vilma und ihr Vater werden Thesar begleiten, ein Leben lang, nicht nur in Thesars Gedanken. Vilma ist die albanische Braut aus dem ein wenig dämlichen deutschen Titel des Buches, das im Original den schönen Titel "Der Verlorene" (I humburi) trägt, der freilich schon Hans-Ulrich Treichels Erzählung schmückt. Leider. Denn verloren ist Thesar von Anbeginn an, und er bleibt es, egal, wohin er geht.

          In Albanien ist das Buch 1992 erschienen, also ein Jahr nach den demokratischen Reformen. Der albanische Schriftsteller und Journalist Fatos Kongoli wurde 1944 in Elbasan geboren. Er studierte Mathematik in China und Tirana, wo er heute lebt. "Die albanische Braut" ist das erste Buch Fatos Kongolis, das in deutscher Übersetzung vorliegt. In Frankreich sind mittlerweile schon zwei weitere erschienen. Doch nach diesem überzeugenden Auftakt werden die deutschen Ausgaben wohl nicht mehr lange auf sich warten lassen.

          Der Antiheld Thesar Lumi erzählt sein Leben, und Fatos Kongoli sieht ihm dabei zu, läßt ihn vor den Augen der Leser auf und ab spazieren wie eines der endlos einsamen Geschöpfe aus den Filmen von Theo Angelopoulos. Fatos Kongoli gelingt die schonungslose Perspektive dank einer äußerst verknappten Sprache, die dennoch alles sagt. Seine klaren Sätze klirren wie Eis, doch der Nebel ist sein Leitmotiv und seine Lieblingsmetapher. Der Nebel läßt die Konturen verschwinden, schleift harte Konturen rund und weich. Bevor er alles verschluckt, ist Thesar zur Stelle, um sich noch einmal zu erinnern, ein letztes Mal. Doch auch seine eigene Geschichte verschwindet im Unwirklichen, Traumhaften.

          Unter dem repressiven System des kommunistischen Albanien beginnt Thesar ein Studium in Tirana und lernt die Liebe mit Sonja, der Grauäugigen, kennen. Eine Liebe als Aufstand, als Widerstand. Fatos Kongoli gelingt eine Liebesgeschichte, die die Gier behutsam in Worte faßt und die Sehnsucht gar nicht mehr auszusprechen braucht. Thesar wird verhaftet, ins Arbeitslager gesteckt, verliert sich immer mehr. Die Paranoia der Bevölkerung überträgt sich auf die Leser, die keiner Figur mehr so recht über den Weg trauen. Jeder, der sich bewegt, macht sich verdächtig. Der Schuldirektor läuft längst als Irrer in der Stadt umher und hat seine Tochter Vilma, die nie eine albanische Braut werden durfte, längst begraben.

          Fatos Kongolis Roman handelt vom Leben im Albanien der politischen Säuberungen. Er beschreibt und seziert die politischen Wucherungen aus der jüngsten Vergangenheit Albaniens erbarmungslos und drastisch. Doch es geht in diesem Roman um mehr als nur ein System, in dem der Terror staatlich verabreicht wird. Kongoli hat mit Thesar einen Archetypus des Verlorenen erschaffen, der schon sterben wollte, bevor sein Leben begann: "Denn mein Leben ist medioker gewesen, das Leben eines Menschen, der nie jemand war und nie jemand wurde."

          SHIRIN SOJITRAWALLA

          Fatos Kongoli: "Die albanische Braut". Roman. Aus dem Albanischen von Jochim Röhm. Ammann Verlag, Zürich 2000. 240 S., geb., 38,- DM.

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