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Rezension: Belletristik : Der Tor weiß, was er von sich zu halten hat

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Deutscher Schicksalsroman, auf Tellerhöhe unterlaufen: Peter Rühmkorfs Tagebücher / Von Thomas Steinfeld

          Wer schreibt schon ein Tagebuch, um anderen Menschen zu gefallen? Ein paar Seiten nur muß man in Peter Rühmkorfs Aufzeichnungen aus der Zeit zwischen Weihnachten 1988 und März 1991 lesen, und es kommt zum ersten Hauen. Der Watschenmann heißt Peter Handke: "Das mir Zuwidre einer Person, die auch in diesem bereits fortgeschrittenen Alter nur aus Ungezogenheit und Menschenverachtung zu bestehen scheint." Die Hand des Lesers greift nun fest in das Buch; sie schlägt die sechshundert Seiten bis zum Ende um: Eine Enttäuschung, denn hier steht bloß ein kleines Nachwort und kein Register. Welch ein Betrug an diesen verklatschten Zeiten.

          Peter Rühmkorfs Tagebuch umspannt kaum zweieinhalb Jahre, und es ist sehr dick. An die viertausend Blatt im Format DIN A4, maschinengeschrieben, so wird im Nachwort verraten, haben dem Manuskript zugrunde gelegen. Das sind fünf Seiten pro Tag, im Durchschnitt betrachtet, viel Fleiß und stete Mühe, und um so mehr, als hier einer an seinem Tagebuch offensichtlich gearbeitet hat und auch die Bemerkungen zum Alltag noch den Willen zu gedanklichen und stilistischen Kunststücken verraten. Und dann noch den ganzen Berg Papier für die Veröffentlichung polieren - wieviel Zeit bleibt da zum Leben?

          Einer der bedenklichsten Sätze dieses Buches kommt ganz leicht daher: "Schwer im Alter, sich seine Lieben noch mal ganz neu zusammensuchen zu müssen." Wacklig geworden - aber ein wenig wacklig war er schon immer, das gehört sozusagen zum Habitus - legt der Meister die Hand auf die eigene Stirn. Er tut es ohne allzu offensichtliche Begeisterung, und es werden daraus auch keine Essays über die eigene Befindlichkeit. So redet einer, bei dem man trotz eingängiger Überschriften wie "Bleib erschütterbar und widersteh" merkt, daß er bei Gottfried Benn auf der Bank saß: der Weltmitschreiber aus Kalkül mit dem Toren, der er selber ist. Oder besser: Der wahre Tor weiß, was er von sich zu halten hat.

          Die Orte, wo sich bei Peter Rühmkorf Weltenstaub und Alltagspelze vereinen, sind bekannt. Das ist eine Wohnung in Hamburg, an der Oevelgönne soll sie liegen, und eine in Kiel. Von der einen sieht man ein Ufer, die andere ist eine Gelehrtenkathedrale. Die vielen Bekannten, die durch die Notizen wandern, werden es genauer wissen. Tag für Tag passiert etwas, die Zeitungen berichten, der Fernseher läuft, und es gibt neuen Anlaß zum Nachdenken. Der Dichter reist nach Kiel zur Gattin und zum Hasenfilet, ein Auto fährt zur Familie Grass nach Wewelsfleth, wo ein Hecht auf dem Teller liegt, Eisenbahnen fahren zu Lesungen nach Göttingen, und Flugzeuge fliegen zu Konzerten nach Zürich, wo es oft auch etwas zu essen und meistens sehr viel zu trinken gibt. Peter Rühmkorf hat, nebenher, auch eine private Speisekarte und einen Rauschkalender geschrieben.

          Und wie scharf er, trotz alledem, beobachten kann, an tausend Dinge hingegeben, und wie sicher und klug er denkt. Im Alltag, wenn er zum Beispiel bemerkt, daß seine älteren Gefährten immer jüngere Frauen bekommen: "Heiratskünstler, die eigentlich Heiratsschwindler sind . . ., hinterlassen gealterte Ehehälften wie abgelegte Puppenhäute." Aber er ist auch ein guter Kunstkritiker, und loben kann er ausgezeichnet, zum Beispiel den schwedischen Maler Anders Zorn: "Welche absolut vorbehaltlos gefeierten Oberflächen einmal noch Ende des Jahrhunderts, als der Impressionismus kalendarisch schon abgefackelt war und das Fin de siècle in seine kritische Phase trat . . . Nie vergessen machen, daß der Augenschein aus der Tube und der Schwung einer Hüfte aus dem Handgelenk kommt." Aber auch als Verächter und böser Geist ist Peter Rühmkorf nicht übel. Zum Beispiel über Octavio Paz: "Hier wird im Weltmaßstab gedichtet, im ständigen eitlen Hinblick auf die internationale Nobelgarde der Poesie." Der Essay, dessen Entstehung das Tagebuch dokumentiert, wurde kurz nach Verleihung des Nobelpreises an den Mexikaner geschrieben - an einen Dichter, "der einen Musenkuß nicht von einer Einlagesohle unterscheiden kann".

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