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Rezension: Belletristik : Der Tod, so verführerisch wie die Liebe

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Der Anfang dieser Geschichte gehört dem Go und seinen Spielern auf dem Platz der Tausend Winde: "Seit wann mag dies der Treffpunkt der Go-Liebhaber sein? Ich weiß es nicht. Nach den Tausenden von Partien sind die Spielbretter, die in die granitenen Tische eingeritzt sind, zu Gesichtern geworden, ...

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          Der Anfang dieser Geschichte gehört dem Go und seinen Spielern auf dem Platz der Tausend Winde: "Seit wann mag dies der Treffpunkt der Go-Liebhaber sein? Ich weiß es nicht. Nach den Tausenden von Partien sind die Spielbretter, die in die granitenen Tische eingeritzt sind, zu Gesichtern geworden, zu Gedanken, Gebeten." Und dieser Anfang gehört der Mutter: "Klein ist meine Mutter, sie reicht mir bis an die Brust. Die lange Trauer um ihren Gatten hat ihren Körper ausgetrocknet. Als ich ihr von meinem Einsatz in der Mandschurei erzähle, wird sie blaß."

          Aber das Ich, das zu erzählen anhebt über das Go-Spiel, ist ein anderes als jenes, das sich der Mutter erinnert. Über zweiundneunzig Kapitel hin, im genauen Rhythmus der ungeraden und der geraden Zahl, wird die Symmetrie eingehalten werden zwischen einem weiblichen Ich und einem männlichen Ich, das spricht - zwischen der jungen Chinesin, die virtuos das Männerspiel des Go beherrscht, und dem japanischen Offizier, dem das virtuose Töten in Fleisch und Blut übergegangen ist. Das Buch entfaltet den unwiderstehlichen Zauber einer untergründigen, unausweichlichen Anziehung: zwischen der zerebralen Kraft der Spielerin und den simplen Reflexen des Offiziers. Erst ganz am Ende wird das Mädchen dem Mann ihren Namen nennen; der Soldat wird namenlos bleiben. Es hat sich dann ein Gesetz vollstreckt, das der Roman früh festschreibt, als Quintessenz des Kampfes auf Leben und Tod: "Die Japaner hatten sich entschieden, glorreich im Handeln zu sein, und die Chinesen glorreich im Tod." Denn den Japanern ist Handeln Sterben, und Sterben ist Handeln.

          Die solche Sätze schreibt, ist die 1972 geborene Chinesin Shan Sa, die schon als Achtjährige in ihrer Heimat für ihre Gedichte gepriesen wurde. Sie verließ Peking 1989 nach dem Massaker auf dem Tiananmen-Platz und ging nach Paris, wo ihr Vater Gastprofessor für chinesische Literatur an der Sorbonne war. "Die Go-Spielerin" hat Shan Sa in französischer Sprache geschrieben; der Roman erhielt im vergangenen Jahr den "Prix Goncourt des Lycéens".

          Die Kategorie des vertige, des Schwindel und Taumel machenden Spiels, das auf Leben und Tod sich vollzieht, ist im Go-Spiel so gut aufgehoben, wie kalte Berechnung notwendig ist, um die komplizierten, der militärischen Sphäre entlehnten Strategien zu beherrschen, die auf die Vernichtung des Gegners ausgerichtet sind. Die schwarzen oder weißen Steine des Gegners im Spiel sind zu töten, und dieses Töten hat die Form der Umarmung: "Ich werde es schaffen, mein Schicksal zu zwingen und mich glücklich zu machen. Das Glück ist eine Umzingelungsschlacht, eine Partie Go. Ich werde den Schmerz umarmen und ihn so töten." Und die Chinesin erkennt im Spiel die Wahrheit des Soldaten: "Das Go-Spiel ist ein Spiegel der Seele. Seine ist von peinlicher Präzision und Kälte." Der gegen sie, verkleidet in chinesischer Tracht, spielt, ist Japaner, ist ihr Feind. Das kann sie nicht wissen. Das Tertium zwischen ihnen ist das Go-Spiel und ist der Tod.

          Es mag scheinen, daß das geheime Fundament dieses wunderschönen, so sanften wie grausamen Romans auf dem Modell der Transgression ruht, wie es zumal George Bataille beschrieben hat, auf der unauflösbaren Verschlingung von Eros, Tod und Erkenntnis. Doch Shan Sa lädt solche Theoriehülsen, im Wortsinn spielend, auf mit der Lebensfülle ihrer Heimat und der ihrer Vorfahren, die der Mandschurei entstammen. China ist ihr nicht von fern phantasiertes Faszinosum, sondern ist ihr Traum- und Vaterland.

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