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Rezension: Belletristik : Der Tod der Turmspringerin

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Der Zusammenbruch der Sowjetunion hat ganze Völker freigesetzt, unter anderem eine Million russischer Juden und Nichtjuden, die während des letzten Jahrzehnts nach Israel gekommen sind. Oft haben sie eine hervorragende Ausbildung erhalten, und ihr Einfluß auf das kulturelle Leben des Landes ist unverkennbar.Von ...

          Der Zusammenbruch der Sowjetunion hat ganze Völker freigesetzt, unter anderem eine Million russischer Juden und Nichtjuden, die während des letzten Jahrzehnts nach Israel gekommen sind. Oft haben sie eine hervorragende Ausbildung erhalten, und ihr Einfluß auf das kulturelle Leben des Landes ist unverkennbar.

          Von hohem Niveau ist auch Dina Rubinas Roman aus dem Jahre 1996, der diese Bevölkerungsschicht beschreibt und jetzt auf deutsch vorliegt. Rubinas umfangreiches literarisches Werk wird in dreißig Sprachen übersetzt, und ihr Epos der russischen Einwanderung nach Israel macht diesen internationalen Erfolg verständlich. Sie lebt seit 1990 in Jerusalem und war während der Niederschrift des Romans also erst verhältnismäßig kurze Zeit im Land; der geschulte Blick aber, der die israelische Wirklichkeit gut einzufangen vermag, macht sich auf jeder Seite ihres gesellschaftlichen Panoramas bemerkbar. Die Autorin erzählt pointiert und witzig; sie weiß ihre Höhepunkte zu setzen, eine feine Ironie schützt sie dabei gegen alle Sentimentalität; und der sorgfältigen Lektüre offenbart ihr Text eine mitunter überraschende Tiefenstruktur.

          Schon der Titel erweist sich als ein vielschichtiges Leitmotiv des Romans. Zunächst, ganz unironisch, wird im Motto eines der 13 Glaubensprinzipien des Maimonides zitiert, die seit dem Mittelalter die jüdische Tradition normiert haben: "Ich glaube mit ganzer Kraft an das Kommen des Messias, / und obwohl er auf sich warten läßt, / werde ich jeden Tag darauf hoffen, daß er kommt." Die Ankunft des Messias aber verspricht auch der schmutzige, verrückte Landstreicher, der als blinder Passagier den Bus von Jerusalem nach Tel Aviv unsicher macht und um Almosen bettelt; oder der russische Fremdenführer, der seinen Klienten das Heilige Land in allen Varianten der Weltreligionen zu verkaufen weiß. Schließlich ist der Buchtitel ein Gegenpol des tiefen Pessimismus, der den gesamten Text durchzieht.

          Rubinas Gesellschaftsroman ist kontrapunktisch aufgebaut. Seine Protagonistin ist Smaja, eine vierzigjährige, sehr kluge und sympathische Zeitungsredakteurin, in der man eine der beiden Selbstprojektionen der Autorin vermuten darf. Die andere ist die Schriftstellerin N., die zu einer großen Gruppe von Nebenfiguren gehört und zugleich die geheime Erzählerin des Geschehens ist. Am Ende wird die Engführung vorgenommen: Smaja und die Nebenfiguren kommen in einer Schlußszene zusammen, die gut vorbereitet und in ihrer Durchführung dennoch unerwartet ist.

          Die zahlreichen Handlungsstränge werden dem Leser in einer kunstvollen Komposition vorgeführt, und eine kleine Episode mag hier als Beispiel dienen. Zu Rubinas Figurengalerie gehört ein Arzt, der allen Patienten einen Fragebogen vorlegt, in dem er wissen will, ob und aus welchen Gründen sie sich mit Selbstmordgedanken tragen. Das ist eines der Todesmotive, die dem scheinbaren Messianismus des Romans seine ironische Perspektive geben, an einem bestimmten Punkt aber gibt Rubina ihm eine eigene Pointe.

          Einmal kommt eine Kinderärztin in seine Praxis, die an Paranoia leidet. Aus Angst vor der israelischen Arztprüfung hat sie erfolglos versucht, eine Beamtin des Gesundheitsministeriums zu bestechen, und seither fühlt sie sich von den Behörden verfolgt. "Selbstverständlich hatte der Arzt", so erzählt Rubina, "ihr den Fragebogen untergejubelt. Sie hatte ihn zerstreut gelesen und die Suggestivfragen entschieden beantwortet: Überall umrundete sie das Wort ,nein' mit kleinen akkuraten Kreisen."

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