https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/belletristik/rezension-belletristik-der-specht-im-nest-der-verse-110790.html

Rezension: Belletristik : Der Specht im Nest der Verse

  • Aktualisiert am

Ab in die Küche: Thomas Randow präsentiert bulgarische Lyrik

          3 Min.

          Die bulgarische Literatur gehört zu den wenig beachteten europäischen Nationalliteraturen. Wer, außer den Slawisten und vereinzelten Enthusiasten, weiß schon, dass diese Literatur, durch Jahrhunderte von den westlichen Entwicklungsströmen abgetrennt, ein ganz eigenartiges Evolutionsmuster zeigt, dass sie eine Reihe bedeutender Erzähler und Lyriker vorzuweisen hat, darunter vor allem die dem Symbolismus zuzurechnenden Dichter Pejo Jaworow, Dimtscho Debeljanow und Teodor Trajanow? In der kommunistischen Ära freilich ließen sich die bulgarischen Schriftsteller stärker auf die Richtlinien des sozialistischen Realismus festlegen als die Dichter im übrigen Ostblock. Immer wenn sich Parteichef Schiwkow mit unbekümmerter Inkompetenz zu Fragen der Literatur äußerte, spendeten ihm die Schriftsteller stürmischen Beifall. In ideologischer Überangepasstheit ließen die Funktionäre des bulgarischen Schriftstellerverbandes noch Ende der achtziger Jahre keinerlei Zweifel am sozialistischen Realismus zu. Das staatliche Verlagswesen und die Privilegierung der Schriftsteller funktionierten unangefochten bis zum Umbruch. Literarisches Dissidententum kam spät auf. Zur Ehrenrettung der bulgarischen Literatur trugen 1989 Edwin Sugarew und Wladimir Lewtschew mit den Samisdat-Almanachen "Most" (Die Brücke) und "Glas" (Die Stimme) bei. Vor allem aber hat die große Dichterin Blaga Dimitrowa unerschrocken zur geistigen Wende in Bulgarien beigetragen.

          Die von Norbert Randow herausgegebene und übersetzte Anthologie neuer bulgarischer Lyrik "Eurydike singt" stellt sechsundvierzig zwischen 1945 und 1969 geborene Dichter vor. Die Auswahl belegt, dass zwischen der Dichtung vor und nach 1989 nicht ein offener Bruch klafft, sondern dass sich bestimmte Kontinuitätslinien ziehen lassen. Autoren wie Boris Christow, Iwan Borislawow, Parusch Paruschew oder Ekaterina Tomowa hatten auch im alten System intim-privatistische, surrealistische oder absurde Texte veröffentlicht. Verraten auch manche Biographien noch die stereotypen Merkmale der sozialistischen Dichterlaufbahn - Slawistikstudium, Ausbildung am Moskauer Gorki-Literatur-Institut, Tätigkeit als Verlagslektor, Zeitschriften- oder Rundfunkredakteur -, so ist der Gewinn an geistiger Offenheit und Weltläufigkeit nach der Wende unverkennbar. Nicht wenige der bulgarischen Dichter leben heute im Ausland: Georgi Belew, Ljubomir Nikolow und Wladimir Lewtschew in den Vereinigten Staaten, Ani Ilkow in England, Maja Panajotowa in Belgien, Darja Charalanowa und Tzveta Sofronieva in Deutschland. "Es gibt keine Emigranten mehr, / alle können wir zurückkehren", heißt es in einem Gedicht der Sofronieva. "Ich werde manchmal kommen / Trotz allem werde ich mal kommen."

          Die in der Anthologie versammelten Texte, die größtenteils aus den neunziger Jahren stammen, schließen sich zu einem neuen Kanon der bulgarischen Lyrik zusammen. Wir haben keine Wortexperimente vor uns. Die meisten Gedichte sind frei rhythmisch, viele bedienen sich noch des Reims oder der Assonanz. Auf vielfältige Weise beziehen sich die Gedichte auf den durchlebten geistigen und politischen Umbruch. Sie reflektieren das existentielle Wagnis des Dichters wie in den Versen über das Lernen bei Specht, Möwe, Adler und der weißen Krähe von Iwan Borislawow: "Warum wundert ihr euch dann, / dass ich, Vers für Vers, / mein Nest / über dem Abgrund baute?" Edwin Sugarew drückt - "hinabsteigend zwischen geschlossenen Türen" - die Bodenlosigkeit aus, den Abstieg, wenn es keine Stufen und Türen mehr gibt. Maja Panajotowa erinnert sich an den Steinbruch bei Lowetsch, in dem die Zwangsarbeiter des alten Regimes geschunden wurden, während sie, zwei Kilometer von ihnen entfernt, gutgläubig Gedichte über die Partei rezitierte. Durchaus skeptisch bringt Wladimir Lewtschews Gedicht "Bulgarien" den Aufbruch in das Bild des aus dem Hafen auslaufenden Schiffes: "Wohin zielt der Kurs / unsres Schiffes aus Beton? / Die Wogen sind aus Blut und Schlamm . . . / Durch schläfrigen Morgennebel / leuchtet / ein Ball orangefarbener Hysterie." Virginija Sachariewa beschwört die Gespenster, die, nachdem der Herr gestorben ist und die Diener davongelaufen sind, sich ins Schloss zurücktrauen: "Sie kommen in die Küche geströmt. / Sie verlangen Abendbrot. / Sie verlangen Musik / und Gedichte. / Von heute an verlangen sie alles. / Wenn doch jemand / den Kamin anzünden könnte. / Nicht das ganze Schloss. / Dazu bleibt noch Zeit." Skepsis und Zweifel in diesem im November 1989 geschriebenen Gedicht lassen die tiefe Verunsicherung gewahr werden, die die Dichter in der Zeit des Umbruchs ergriff.

          Der Titel der Anthologie, "Eurydike singt", lehnt sich an ein Gedicht von Mirela Iwanowa an, in dem die aus dem Totenreich zurückkehrende Eurydike Orpheus beschwört, sich nicht umzudrehen: "Ich will nicht zurück in die tote Frau." Was wiederum wie eine mythische Umschreibung des Erneuerungsprozesses verstanden werden könnte, mahnt zugleich an den thrakischen Orpheus, der schon den südslawischen Humanisten als der erste Dichter der Slawen galt.

          Die Anthologie ist durchgehend zweisprachig angelegt. Die Übersetzungen sollen, wie Thomas Randow, gegenwärtig wohl der erfahrenste und verdienstvollste Vermittler bulgarischer Literatur in Deutschland, im Nachwort betont, vor allem inhaltliches Verständnis erleichtern. Indem sie auf den Reim verzichten und den rhythmischen Duktus der Vorlagen nur andeuten, stehen sie diesen an lyrischer Kraft freilich nach. Doch vermitteln sie ohne Zweifel einen facettenreichen Eindruck von einer Literatur, die auf dem besten Weg ist, sich ihrer neuen Freiheit zu versichern. Oder, wie es in dem Gespenstergedicht von Virginija Sachariewa heißt: "Trunken von der Möglichkeit / erneut zu sprechen, / reden / die Gespenster."

          REINHARD LAUER

          "Eurydike singt. Neue bulgarische Lyrik". Anthologie. Herausgegeben und übersetzt von Norbert Randow. Gutke Verlag, Köln 1999. 363 S., geb., 42,- DM.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.
          Bildungsmarkt
          Alles rund um das Thema Bildung
          Sprachkurs
          Verbessern Sie Ihr Englisch
          Sprachkurs
          Lernen Sie Französisch