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Rezension: Belletristik : Der Sonntagsdenker

  • Aktualisiert am

Ich für alle Fälle: Alban Nicolai Herbst hat den "Arndt-Komplex"

          Die moderne Prosa begann mit Kopfgeburten, mit denkenden Präzisionspuppen, avantgardistischen Pinocchios: Monsieur Teste, Bebuquin, Rönne. "Dummheit ist nicht meine Stärke", konnte Valérys Teste sagen. Carl Einstein forderte eine "Literatur für differenzierte Junggesellen", die das Abenteuer des Denkens schildere, und ließ seinen Bebuquin bekennen: "Ich möchte gern über Handeln etwas Geistreiches sagen, wenn ich nur wüßte, was es ist." Gottfried Benn schuf Dr. Rönne, einen Arzt, der durch heftiges Assoziieren - "Alexanderzüge mittels Wallungen" versuchte, und sprach vom "Rönne-Komplex".

          Was der Moderne recht ist, ist der Postmoderne billig. Der Autor, der intelligent die Puppen tanzen läßt, muß sich weniger verleugnen denn je. Die Figuren von Fleisch und Blut überläßt er der Trivialliteratur. Virtualität ist Trumpf. Warum sollte man nicht mal wieder eine Figur kreieren, die ganz aus dem Kopf lebt? Die etwa denkt: "Daß er sein Bett nicht verlassen müsse, um die Welt zu erkennen, dachte er." Nicht sehr originell? Es kommt natürlich darauf an, was man aus diesem Gedanken macht.

          Der Autor hat sich gefunden. Auch Alban Nicolai Herbst dürfte mit Fug von sich behaupten, daß Dummheit nicht seine Stärke sei. Mehr: Er hat es bewiesen. Sein 1993 erschienener Tausendseitenroman "Wolpertinger oder Das Blau" brachte ihm den Grimmelshausen-Preis und den Beifall der Literaturkritik. Ein anderes seiner Bücher, halb Reisebericht, halb Krimi, erschien eben neubetitelt als "New York in Catania" als Taschenbuch. Dort gibt es einen etwas mysteriösen Arndt, der in die fingierten, ja halluzinierten Geschehnisse eingreift.

          Und nun macht der Autor diese Figur zum Zentrum von elf Novellen, die er - als Hommage à Benn - zu seinem "Arndt-Komplex" bündelt und mit einem Nachwort versieht, das mit weiteren Mystifikationen aufwartet. Dieser Arndt - so behauptet Herbst in seinen "nachträglichen Bemerkungen" - sei nun keine erfundene Figur. Sein Freund und Auftraggeber Hans Deters habe ihn ermuntert, Arndts "Krankheits- und Geistesgeschichte" zu literarisieren. Ein Hans Erich Deters wiederum ist die Zentralfigur des erwähnten "Wolpertinger"-Romans - und nun müßte Philologie einsetzen. Herbst-Philologie. Aber die überlassen wir einer (vermutlich nahen) Zukunft.

          Wie Monsieur Teste und Bebuquin kommt der Junggeselle Arndt, der die Wirklichkeit zerdenken möchte, ohne Vornamen aus. Auch ohne erotischen Partner, doch nicht ohne Beruf. Er ist - anders als Rönne - nicht Arzt, sondern Informatiker. Den Beruf scheint er nicht sonderlich zu mögen. Er führt also ein Doppelleben. Nicht das emphatisch existentielle à la Benn. Arndt gibt sich als Pragmatiker. Er teilt seine Existenz nach Sonntag und Alltag. Er rühmt "das sehr helle Sonn- und Feiertagsich, das denkende, autonome". Er bedauert, daß er während der Arbeitswoche mit Zeichnungen, Programmen und Endlospapieren umgehen muß - weil er halt Geld verdienen muß.

          Diese schlichte Einsicht weiß er - weiß der Autor? - in schöne Reflexionen zu kleiden: "Der seinem reinen Ich eigene kritizistische Ansatz mußte wochentags verborgen werden, wollte Arndt nicht eben darauf Verzicht leisten müssen, was die Formation des ihm höher vorkommenden Ichs notwendige Bedingung war, nämlich versorgt zu sein." Das mag nun parodistisch, satirisch gemeint sein. Des Autors Tücke liegt eben darin, daß er seine Einfühlung übertreibt und seinem Sonntagsdenker nicht in die Parade fährt. Er ist nicht ganz fair mit seiner Figur, deren Sprache er mal nutzt, mal denunziert. Nun geht Arndts Theorie ja auch nicht auf. Doppelleben ist auf Dauer unbekömmlich, und daraus eben, aus der Krankheitsgeschichte, ziehen die "Novellen" ihre Nahrung.

          Wir lesen ein Stationendrama: Elf Novellen beschreiben elf "Ausfälle". Gleich zu Beginn fällt das Schmerzgefühl aus, und am Schluß dieses ersten "Ausfalls", nachdem Arndt sich mit einem Messerchen die Stirn kerbte, gibt es die Umkehrung einer populären Weisheit. Arndt freut sich nicht darüber, daß der Schmerz nachläßt, sondern daß er wiederkehrt. Hübsch auch der philosophische Slapstick des sechsten Ausfalls: Arndt macht eine Nummer daraus, in einer auf dem Fahrdamm liegenden herrenlosen Lederstiefelette den eigenen Schuh zu erkennen. Vollends ein Eiertanz der Eierkochversuch in Nummer elf. Während man bei Beckett wenigstens einen verbrannten Toast zustande bringt, muß hier der Kochtopf draufgehen. So nämlich endet Arndts Weigerung, handelnd in die Welt einzugreifen, und so kann es natürlich nicht weitergehen.

          Erkenntnis und Gelächter. Man hätte freilich öfter gelacht, hätte nicht der Autor selbst seinen Arndt alle paar Seiten lachen oder lächeln lassen. Bei der Eiersache schließlich, als das "Lachphänomen" gar bedacht, statt belacht wird, bleibt die Frage nicht aus: "Dachte er nur zu lachen?" Solche Hirnkomik mag nicht jedermanns Sache sein. Auch bleibt dem Leser überlassen, zwischen den angestrengt ver-rückten Reflexionen des Sonntagsdenkers Arndt und den manchmal intelligenten Paraden seines Schöpfers zu unterscheiden. Herbsts "Arndt-Komplex" demonstriert den Wirklichkeitsverlust der Figur, zum Glück nicht den des Autors. Arndt ist ein moderner Phänotyp. Ein solipsistischer Virtualitätsfreak. Ihm zerfallen nicht wie weiland Lord Chandos die Worte im Munde wie modrige Pilze. Ihm stürzen nur noch Programme ab, Computer- und Lebensprogramme, zum "chaotischen output".

          Was aber macht der Autor mit einer solchen Figur, wenn er elfmal mit ihr gespielt hat? Er läßt sie nicht verkommen. Er schickt sie im Nachwort nicht zum Teufel, sondern - vielleicht weil auch Rimbaud uns grüßen soll - in ein südliches Land, in einen "herrlichen Aktionismus". Interpol fahndet schon. HARALD HARTUNG

          Alban Nicolai Herbst: "Der Arndt-Komplex". Novellen. Rowohlt Verlag, Reinbek 1997. 127 S., geb., 29,80 DM.

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