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Rezension: Belletristik : Der Sohn hat jemanden, der ihm schreibt

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Hermann Francks Tagebuch für Hugo / Von Lothar Müller

          Am sechsten Dezember 1847 kam der Berliner Maler Wilhelm Hensel in die Wohnung seines Nachbarn Hermann Franck am Leipziger Platz, um eine Porträtzeichnung von dessen Gattin anzufertigen. Sie war am Vortage im Alter von siebenunddreißig Jahren unerwartet verstorben. Am Tag nach der Beerdigung hat Hermann Franck ein Tagebuch für seinen Sohn Hugo begonnen und über nahezu acht Jahre fortgeführt. Das Manuskript ist jetzt erstmals publiziert worden. Es ist ein einzigartiges Dokument zur inneren Geschichte des deutschen Bürgertums im neunzehnten Jahrhundert.

          Einmal begonnen, wächst es über den Totenkult und die Beschwörung des Andenkens der Mutter bald hinaus. Der Vater hat in den Sarg der Toten nicht nur eine von Hugos Zeichnungen gelegt, sondern eigenhändig einige Zeilen hinzugefügt, in denen es heißt: "Unser Hugo bleibt mir Dein Vermächtnis." Mit fünfundvierzig Jahren hätte der reiche, gebildete, im bürgerlichen Berlin angesehene Hermann Franck eine Wiederverheiratung durchaus ins Auge fassen können. Er hat statt dessen entschlossen das Erbe der Mutter angetreten und die Erziehung des einzigen Kindes zum unangefochtenen Zentrum des eigenen Lebens gemacht. Zugleich hat er sich in einen unermüdlichen Beobachter und Protokollanten seiner selbst und des Sohnes verwandelt.

          In dem, was Hermann Franck - meist "in der Mitternachtsstunde" - aufschreibt, soll Hugo später wie in einem aus Tausenden von Einzelsplittern zusammengesetzten Spiegel das Bild der eigenen Kindheit, Ursprung und Kern seiner Existenz erkennen können. Jeder Eintrag ist ein kleiner Brief, den der Vater an den künftigen Erwachsenen im Sohn adressiert. Doch bleibt der Stil dem Jungen verpflichtet, der beim Tod der Mutter sieben Jahre alt ist. Bis zum Schluß wird das Aufschreibesystem des Vaters nur aufnehmen, was ihm das Fassungsvermögen des Sohnes nicht zu übersteigen scheint.

          Daraus resultiert der Ton dieser Aufzeichnungen. Sie handeln wie Rosseaus "Émile" von der Beziehung zwischen einem Erzieher und seinem Zögling. Doch sprechen sie die Sprache der Pädagogik nicht im Gestus philosophisch-anthropologischer Reflexion, sondern mit dem Akzent des Kindes, das es zu erziehen gilt. Sie sind Briefe eines Vaters an seinen Sohn wie diejenigen, die im achtzehnten Jahrhundert Lord Chesterfield an Philip Stanhope schrieb. Doch während Chesterfield als Kenner der großen Welt schreibt, in die er den Sohn einzuführen gedenkt, ist Hermann Franck in seinem Tagebuch für Hugo kaum einmal der politische Publizist, der Kunst- und Musikschriftsteller, der er auch war, sondern nahezu ausschließlich der Vater, der sich als Erzieher über seinen Sohn beugt und ihm alle Geheimnisse seiner Natur abzulauschen sucht. Sein pädagogisches Observatorium ist zwar in Blickweite, doch abseits der großen Debatten und Unruhen der Jahre um 1848 erbaut.

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