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Rezension: Belletristik : Der sanfte Unglücksmensch

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Wolfgang Matz erzählt Stifters allzu stilles Leben / Von Christoph Bartmann

          4 Min.

          Aufregungen sind die Ausnahme in der Stifter-Rezeption. Einige Jahrzehnte ist es schon her, daß Arno Schmidt unter dem berühmt gewordenen Titel "Der sanfte Unmensch" eine Polemik entfachte und seiner Haßliebe zu Stifter im allgemeinen und zum "Nachsommer" im besonderen Ausdruck gab. Denselben Roman geißelte wenig später Horst Albert Glaser in seiner Studie "Die Restauration des Schönen" als "Ideologie", ja "Kapitalismus- und Rentnerutopie". In solchen Begriffen spricht sich ein deutsches Ressentiment gegen Stifters spezifisch österreichische Geistesverfassung aus. Ein Streit blieb jedoch aus, denn niemand wollte die Attacken erwidern. Zur selben Zeit begann eine literarische Renaissance Stifters. Thomas Bernhard und Peter Handke haben erklärt, wie stark sie Stifters psychologisch schlichte und phänomenologisch brisante Schreibweise beeinflußt hat. Der aus den Überresten des "Habsburgischen Mythos" auferstandene Mitteleuropa-Kult hat Stifter ebenfalls zu neuem Interesse verholfen.

          In ähnlich gemessenem Takt wie Stifters Prosa schreitet die Stifter-Biographik voran. Nun hat, fast sechzig Jahre nach Urban Roedls Standardwerk, Wolfgang Matz eine neue Lebensgeschichte vorgelegt. Ihm ist eine gründlich gearbeitete und gut lesbare Darstellung gelungen, die von kritischer Anteilnahme an Stifters Leben und von Liebe zu seinem Werk geprägt ist. Leben und Werk, das ist der überlieferte Auftrag des biographischen Erzählens. Matz will ihn gegen den herrschenden Trend der Literaturwissenschaft erneuern.

          Denn die beliebte These vom "Verschwinden des Autors", so hat er andernorts ausgeführt, bedeute "das Zurückweichen vor einer der schwierigsten Unternehmungen überhaupt: der Darstellung eines Individuums in der Gesamtheit seiner inneren und äußeren Bezüge". Wie solle man etwa den "Nachsommer" verstehen, ohne Kenntnis davon zu haben, daß er für Stifter die Funktion einer "literarischen Wunscherfüllung" besaß? Erst das Leben, meint Matz, entscheidet über die "Wahrheit" der Literatur. Wüßte man nichts über Stifters Unglück im Leben, nähme man das Glück in den Romanen womöglich für bare Münze. Das "Zugrunderichtende" und "Entsetzliche", diese für Stifter so bezeichnende "fürchterliche Wendung der Dinge", liefert für all das Schöne und Positive die ästhetische und moralische Deckung.

          Damit die These von der literarischen Wunscherfüllung aufgeht, ist es nötig, daß im Leben all die Wünsche offenbleiben, die von der Literatur hernach erfüllt werden. Deshalb trägt Stifters Leben auch bei Matz wieder Züge jenes biedermeierlichen Rührstücks, als das es die volkstümliche Biographik und vor allem Stifter selbst stets beschrieben haben. In diesem Leben scheint alles zur Klage bestimmt: die kleinbürgerlich-ländliche Herkunft aus dem Böhmerwald, der frühe Tod des Vaters, die unerfüllte Liebe zu Fanny Greipl und der Ehetrott mit Amalie, das Scheitern im Studium und der Broterwerb als Hauslehrer.

          Der literarische Erfolg, der sich um 1840 mit den Erzählungen "Der Condor", "Feldblumen" und "Das Haidedorf" rasch und nachhaltig einstellt, kann den trostlosen Gesamteindruck dieses Lebens kaum aufhellen. Auf eine Phase des persönlichen und politischen Optimismus, die im Oktober 1848 in der Zerschlagung der Revolution durch Windischgrätz ein symbolträchtiges Ende findet, folgen, so hat es den Anschein, nur noch Enttäuschungen, Krisen und Krankheiten. Daß mit seinen Leiden auch Stifters literarische Produktion wächst und in den letzten Lebensjahren mit dem "Nachsommer" und "Witiko" monumentale Gestalt annimmt, scheint Matz' These von der Literatur als Therapeutikum eines mißlungenen Lebens zu erhärten.

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