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Rezension: Belletristik : Der Pokal spricht, ich muss träumen

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In Harry Potters Hexenküche vollbringt der Zitierfix wahre Wunder: Quellen eines phantastischen Bestsellers / Von Stephen King

          8 Min.

          Eltern, die ihre Kinder schon an Videospiele und Kabelsender verloren glaubten, danken J. K. Rowling Tag für Tag: Unter den klassischen Jugendbüchern wird neben dem "Robinson" und dem "Lederstrumpf" fortan auch die Harry-Potter-Serie erwähnt werden. Aber breiten die Romane um den kleinen Zauberer nicht denselben hirnverbrannten Blödsinn aus wie Science-Fiction-Serien im Fernsehen? Ist eine Welt, in der alles möglich ist, eine Schule fürs Leben? Auch Lewis Carroll hat man ausgelacht wie den Grafen Zeppelin, weil er das Luftschiff seiner Einbildungskraft über die viktorianische Konvention hinweggleiten ließ. Die Phantastik hat in der Kinderliteratur eine ehrwürdige, man könnte sogar sagen orthodoxe Tradition. Stephen King, begnadeter Spurenleser und Spurenleger, verfolgt diese Motive im Werk von J. K. Rowling.

          F.A.Z. Den ersten Roman der Harry-Potter-Serie, "Harry Potter und der Stein der Weisen", habe ich im April 1999 gelesen; ich war nur mäßig beeindruckt. Aber im April 1999 ging es mir ja auch gut. Zwei Monate später wurde ich in einen schweren Autounfall verwickelt, und meine Genesung war lange und schmerzhaft. Zu Beginn dieser Phase las ich die beiden nächsten Bände ("Harry Potter und die Kammer des Schreckens", "Harry Potter und der Gefangene von Askaban") und war nun durchaus mehr als nur mäßig hingerissen. In diesem elenden heißen Sommer 1999 wurde die Lektüre der Harry-Potter-Bücher (sowie der exzellenten Kriminalromane von Dennis Lehane) für mich zu einer Art Überlebensstrategie. Im Juli und August stand ich meinen unangenehmen Tageslauf im Wesentlichen so durch, dass ich meine ganzen Erwartungen auf den Abend konzentrierte: Da würde ich mein mit reichlich Metallarmaturen versehenes Bein in die Küche schleppen, frisches Obst und Eis verzehren und von Harry Potters Abenteuern in Hogwarts lesen, einer Schule für junge Zauberer (Schulmotto: Kitzle nie einen schlafenden Drachen).

          Aus diesem Grunde habe ich die jüngst erschienene neue Fortsetzung von Joanne K. Rowlings magischer Saga mit fast ebenso viel Spannung erwartet wie nur irgendein nach Harry Potter verrücktes Kind. Die ersten drei hatten mir durchaus gefallen, allerdings hatte ich Band zwei und drei, wie gesagt, gelesen, während ich genug Schmerzmittel nahm, um ein Pferd schwerelos zu machen. In diesem Sommer sieht es nun anders aus.

          Zu meiner Erleichterung kann ich berichten, dass Potter IV - "Harry Potter and the Goblet of Fire" - so gut ist wie die bisherigen Bände. Allerdings sehr viel länger. Der neue Band ist so umfangreich wie die beiden vorhergegangenen zusammen. Ist er dichter geschrieben als die ersten drei? Regt er stärker zum Nachdenken an? Nein, tut mir Leid. Und wäre denn so etwas bei einem Fantasy-Abenteuer notwendig, das hauptsächlich für Kinder gedacht ist und im üppig-grünen Herzen der Sommerferien erscheint? Natürlich nicht. Was Kinder in den Ferien wollen und verdienen, das ist schlichter, unkomplizierter Spaß. "Harry Potter and the Goblet of Fire" liefert derartigen Spaß, und zwar nicht in kleinlichen Portionen - mit 734 Seiten kippt der Band eine Lastwagenladung vor dem Leser aus.

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