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Rezension: Belletristik : Der Meister des Meistervampirs

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Satan ist auch nur ein Amerikaner: Anne Rice erzählt wüste Märchen

          Die "Horror Fiction" der Richard Matheson, Stephen King oder Anne Rice ist die moderne Version des romantischen Schauerromans; wie dieser bezieht sie ihre Effekte aus dem plötzlichen Einbruch des Phantastischen in die Alltagswelt: Dämonen, Vampire und Monster aller Art sollen den Lesern einen wohligen Schrecken einjagen. Die 1941 geborene Anne Rice gilt als die derzeit prominenteste Autorin von Vampirromanen; ihre Serie "The Vampire Chronicles" ist in Millionenauflage verbreitet und mit Tom Cruise als Vampir Lestat erfolgreich verfilmt worden.

          Der letzte Teil dieses Romanzyklus, "Memnoch der Teufel", ist jetzt, übersetzt von Barbara Kesper, auf deutsch erschienen. Wie weiland Frankenstein oder Dracula hat Lestat, Anne Rice's zur Kultfigur avancierter Meistervampir, neben gräßlichen auch sympathische Züge: Er ist zwar von Hause aus blutdürstig und gewalttätig, möchte aber im Grunde nur Gutes tun. Im selbsterzählten Schlußteil der Chronik ("Lestat benutzt den Namen Anne Rice als Pseudonym") verliebt sich der wohlmeinende Blutsauger in Dora, die schöne Tochter eines Mörders, von dem er sich verfolgt fühlt und den er auf bewährte Weise umbringt. In einem New Yorker Hotelzimmer trifft er Memnoch, einen aschblonden, waschechten Amerikaner, der wie ein "Jedermann" wirkt, in Wahrheit aber der leibhaftige Satan ist. Der Teufelskerl entführt den Vampir in den Himmel, stellt ihn dem lieben Gott vor und versucht in einer haarsträubenden historisch-mythologischen Revue zu beweisen, daß es mit Gottes Weisheit und Allmacht nicht weit her ist und daß er, Memnoch der Teufel, eigentlich an seinen Platz gehört. Als Lestat die Orientierung verliert, entführt ihn der Unhold in die Hölle, wo der entsetzte Vampir auszureißen versucht. Dafür reißt ihm Memnoch ein Auge aus, das er ihm später galant zurückerstattet; ganz allmählich dämmert dem Vampir, daß er letztlich nur eine Marionette war im Machtkampf des Teufels mit Gott.

          Anne Rice verfügt über eine ausufernde, barocke Phantasie, wenig Distanz zu ihren Geschichten und überaus bescheidene Ausdrucksmittel. "Memnoch der Teufel" tritt mit dem grotesken Anspruch eines therapeutischen Bildungsromans auf - für manche Leser mag er diese Funktion tatsächlich erfüllen. Andere werden Versatzstücke der Vampir-Metapher aus Mythen (und dem elisabethanischen Theater) wiedererkennen, die Idee des Schmerzes als Wollust-Bestandteil aus der Romantik - vor allem wird ihnen in Anne Rice's Roman ein vertrautes Merkmal aller Trivialliteratur wiederbegegnen: Noch in seinen wildesten Blasphemien bewahrt und bestätigt dieses Buch die Werte und Normen unserer Kultur, indem es jede Abweichung von ihnen mit den krassesten Beispielen illustriert und auf die schlichteste Weise ausmalt. HELMUT WINTER

          Anne Rice: "Memnoch der Teufel". Ein Vampir-Roman. Aus dem Amerikanischen übersetzt von Barbara Kesper. Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 1998. 416 S., geb., 44,- DM.

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