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Rezension: Belletristik : Der Mann, der zuviel wußte

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Eine Welt von Lebenstrieben: "Der Wunderbrunnen" von Henry James in deutscher Erstübersetzung / Von Patrick Bahners

          Neunundneunzig Jahre hat der Roman "The Sacred Fount" von Henry James auf seinen deutschen Übersetzer gewartet. Dieses Dornröschen ist das Mauerblümchen unter den schlummernden Schönen der Literaturgeschichte, gilt als spröde und verschlossen. Der Vater selber scheint sein Kind verstoßen zu haben, als er dem Buch einen Platz in der New Yorker Gesamtausgabe verwehrte. Großmächtige Kritiker haben den Bann über den Text gelegt und ihn für unlesbar erklärt. Tritt man heran an die verschmähte Jungfer, erweist sich das seltsame Gewächs als Schlingpflanze, die den Verehrer umstrickt und nicht mehr freizugeben droht. Aus der Frustration des Interpreten entsteht eine Faszination, die an ihrem Gegenstand irre wird. Hat man es mit einem schlecht konstruierten Rätsel zu tun, das einfach keine Lösung hat, oder mit einem unausschöpflichen Geheimnis?

          Der Autor gestand in einem Brief, zu einem Roman habe sich ausgewachsen, was als Kurzgeschichte geplant gewesen sei; das Ergebnis sei ein Denkmal seiner abergläubischen Furcht vor der Pflicht, ein Ende zu finden. Mit dieser Selbstbespiegelung in pathologischen Begriffen forderte James die Leser geradezu auf, den Autor als Doppelgänger seines Helden zu behandeln. Denn auch der namenlose Ich-Erzähler ist ein Mann, der zu keinem Ende kommen kann. Er hat sich einer Aufgabe verschrieben, für die er Metaphern aus der Sphäre der poetischen Kreativität findet; seinen Mitmenschen dichtet er ein phantastisches Schicksal an. Eigentlich will er nur eine "Anekdote" weitergeben, wie auch James seinen Einfall unter der Rubrik "Für Anekdoten" in sein Notizbuch eintrug. Ist es nicht kurios, daß eine ältere Frau, die einen jüngeren Mann geheiratet hat, aussieht wie das blühende Leben, während ihr Gatte dahinwelkt? Doch dann erweitert sich das augenscheinliche Paradox zum "System" der Welterklärung aus dem "heiligen Quell" der Liebe. Der Gedankenspieler wird zum Vampirjäger. Seine Methode ist die Kombinatorik: Hinter jedem brillanten Mann steht eine blasse Frau, die ihm ihre Lebenskraft opfert. Aber stellt der Erzähler die Beziehungen fest oder her? Eine Dame, die er befragt, erbleicht: Sagt das etwas über sie aus oder über ihn?

          Das Werk überwältigt den Meister, und schließlich entkommt er der Geschichte, die er gesponnen hat, nur dadurch, daß er den Ort des Geschehens überstürzt verläßt. So wird für den Leser der Moment kommen, da er das Buch zuschlägt, um Schluß zu machen mit den Spekulationen. Die Auslegung erreicht die Wahrheit nie, in deren Kontemplation sie zur Ruhe käme; man muß sie abbrechen, weil man im Leben noch anderes vorhat. Er vernachlässige seine Geschäfte, ruft der Erzähler sich einmal für einen Moment ins Gewissen, als er sich von der Einmischung in fremde Angelegenheiten abzubringen versucht; dann beruhigt er sich damit, daß er sich längst daran gewöhnt habe, von seinen Interessen abzusehen. Indem er sich Selbstlosigkeit zuschreibt, nährt er nur den Verdacht, daß wir es mit einem Egoisten zu tun haben, der auch das Unerquickliche so arrangiert, daß es ihm zur Quelle des nie versiegenden Vergnügens wird. Wer den Roman liest, läßt sich gleichfalls auf ein stellvertretendes Leben ein. In dem der Neugier verfallenen Wichtigtuer erkennt er widerstrebend den Geistesverwandten. Autor, Erzähler und Leser bilden eine unheilige Dreifaltigkeit, deren gemeinsames Werk eine überaus fragwürdige Schöpfung ist.

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