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Rezension: Belletristik : Der Mann, der zuviel wußte

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Als Albtraum, aus dem man nicht erwachen kann, erscheint hier ein Leben, das nichts ist als Interpretation. Der Erzähler liest "Zeichen", und die Häufigkeit dieser Vokabel im Roman ist selbst bezeichnend. Mit Charles Sanders Peirce kann man das Verfahren des Erzählers Abduktion nennen. Wo die Deduktion beweist, daß etwas der Fall sein muß, und die Induktion zeigt, daß etwas der Fall ist, vermutet die Abduktion, daß etwas der Fall sein mag. Der Forscher sucht nach Hypothesen, die ein Phänomen zu erklären geeignet sind: Auf diesem Wege stößt der Erzähler zur Theorie des "heiligen Quells" vor. Doch im Lichte jeder neuen Hypothese bieten sich neue Phänomene als erklärungsbedürftig dar, die Zusatzannahmen notwendig machen. Wo Deutungen anfangs die Zeichen zum Sprechen bringen sollen, lauscht man schließlich den Zeichen nur noch ab, was die Deutungen intakt läßt. Für den Erzähler erweist sich die Abduktion als Abweg, weil er keine Probe auf die praktische Bewährung seiner Theorie macht. Er beklagt, daß er zuviel weiß, und erlangt doch nie Gewißheit, die es nur für den Handelnden geben kann. Steht er selbst infrage, ist Liebe für ihn nur ein Wort.

Seine Semiotik setzt auf Evidenzen. Das Landschloß, sein Labor zur Produktion von Sichtbarkeit, reduziert sich auf ein System vom Blickachsen: Wenn die Wege zweier Personen sich kreuzen, ist das unmißverständlich. Denselben Schluß auf ein geheimes Verhältnis zieht der Erzähler aber, wenn zwei Gäste nie nebeneinander sitzen. So scheint er sich in einem Spiegelkabinett der optischen Selbsttäuschungen zu verirren. Den Aberwitz seiner Epistemologie des Augenfälligen tritt dadurch hervor, daß dem Leser jegliche Anschaulichkeit verwehrt wird: Er sieht nicht, was der Erzähler sieht, dessen Beschreibung der Szene sich in romantischen Topoi erschöpft. Je komplizierter die Hypothesen werden, desto weniger haben sie mit der Realität zu tun. Die Realität ist eben das, was sich durch Hypothesen nicht fassen läßt. Die Vergnügungen in Newmarch waren "von einer Großartigkeit, die nicht nach Auslegung verlangte": An der Selbstgenügsamkeit des Lebens scheitert die Interpretation.

Und doch ist das System des Erzählers ein Bild der Welt, in der er ein Fremder bleibt: ein "Zauberschloß", ein "riesiger glitzernder Kristallpalast". Einen solchen Palast ließ sich Kublai Khan in Coleridges Ballade in Xanadu errichten, oberhalb einer tiefen romantischen Kluft, in welcher der heilige Fluß entspringt; an diesem verzauberten Ort meint man eine Frau zu hören, die nach ihrem dämonischen Liebhaber ruft. Die konventionelle Meinung, daß Liebende einander ähnlicher werden, wird von der Theorie des "heiligen Quells" nur scheinbar bestätigt. Mit dem Tauschprinzip kann diese Ökonomie der Verausgabung nichts anfangen: In der Entzweiung erfüllt sich die Intimität. So sind bei Henry James Leben und Kunst, Zeichen und Deutung, Erinnerung und Erfahrung, Leser und Werk durch eine tiefe romantische Kluft verbunden und getrennt.

Henry James: "Der Wunderbrunnen". Roman. Aus dem Amerikanischen übersetzt von Fritz Lorth. Nachwort von Iso Camartin. Manesse Verlag, Zürich 1999. 386 S., geb., 34,- DM.

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