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Rezension: Belletristik : Der Mann, der zuviel wußte

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Soll man dem Roman, mit dem James das neue Jahrhundert begrüßte, die Signatur der Epoche ablesen? Der Schauplatz ist Newmarch, ein englischer Landsitz, auf dem Wochenendgäste zusammenkommen. Man hat den umständlichen und kraftlosen, von Fritz Lorch sorgfältig vom Grauen ins Graue übertragenen Redestil des Erzählers als Ausdruck der Dekadenz der spätviktorianischen Gesellschaft deuten wollen. Aber wir haben gar keine Anhaltspunkte, um die Gesellschaft des Romans in der Zeit zu situieren. Der Erzähler und seine Mitspieler benutzen zwar die Eisenbahn, doch sie scheinen mit dem Bahnhof Paddington auch die Zeit hinter sich zu lassen. Sie treten in eine absolute Gegenwart ein, in eine Welt, die es nur gibt, wenn und solange von ihr erzählt wird.

Der Erzähler berichtet zwar in der Vergangenheitsform von seinen Erlebnissen an jenem schicksalhaften Wochenende, läßt aber jede Distanz vermissen. Paradoxerweise gehört es zu den unheimlichen Zügen des Romans, die an eine Gespenstergeschichte denken lassen, daß der Erzähler - so viele Doppelgänger er auch haben mag - kein Symptom einer gespaltenen Persönlichkeit zeigt: Zwischen seinem gegenwärtigen und seinem vergangenen Ich unterscheidet er nicht, er ist unfähig zur Objektivierung der eigenen Person. Aus der Krise, die ihn zur vorzeitigen Abreise nötigte, hat er keine Konsequenz gezogen. Dem Vorwurf, seine Theorie sei ein Hirngespinst, hatte er am Ende nichts entgegenzusetzen. Trotzdem gerät ihm die Rekapitulation der Genese der endlosen Anekdote zur unkritischen Rekonstruktion: Er hat nichts vergessen und nichts gelernt, die Geschichte der Geschichte verdoppelt nur die Geschichte.

Der Roman ist als perspektivistisches Experiment gewürdigt worden: Es solle den Leser verunsichern, daß er die Angaben des Erzählers nicht überprüfen könne. Wollte James wirklich den Gemeinplatz beweisen, daß jeder Ich-Erzähler unzuverlässig ist? Es befremdet gerade, daß dem Bericht des Erzählers jene Merkmale fehlen, an denen man seine Subjektivität festmachen könnte. Die perspektivische Verkürzung des Rückblicks läßt sein Gedächtnisprotokoll nicht erkennen. Er wählt nicht aus, was er erzählt, weil jedes Detail seine Theorie bestätigen kann. So dehnt sich die Darstellung zu beinahe unerträglicher Länge. Die Handlung umfaßt wenig mehr als vierundzwanzig Stunden. Das Tempo scheint fortwährend abzunehmen, Erzählzeit und erzählte Zeit nähern sich an, bis zum Schluß eine auf eine Minute berechnete Aussprache sich zur Ewigkeit weitet. Den Leser sucht der Schrecken jeder Wochenendparty heim: Er sitzt mit dem Oberlangweiler gefangen. Man mag es das Versprechen der modernen Literatur nennen, daß Produktion und Rezeption zusammenfallen und der Kritiker so kreativ sein darf wie der Dichter. Aber dieser Text, der seine Entstehung zum Thema macht, steht unter dem Gesetz des Wiederholungszwangs. Wie der Erzähler nicht loskommt von seiner Erzählung, so befürchtet der Leser, daß er nach aller Verschwendung des Scharfsinns nicht klüger geworden sein wird und noch einmal mit der Lektüre beginnen müßte.

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