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Rezension: Belletristik : Der Hundekönig

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Christoph Ransmayrs Roman vom Totenreich / Von Gustav Seibt

          Fast sieben Jahre hat sich Christoph Ransmayr zurückgezogen, nachdem seine 1988 unter dem Titel "Die letzte Welt" erschienenen Ovid-Metamorphosen ihn mit einem Schlag in die erste Reihe der jüngeren deutschsprachigen Autoren gebracht hatten. Sein Wiederauftreten macht nun fast schockartig bewußt, wieviel in dieser Zeit geschehen ist. Ransmayr hat an ihr nicht teilgenommen, er hat sich weit entfernt, um ein zweites Mal eine eigene Welt zu erfinden. So hat er beispielsweise nicht damit rechnen können, daß im Jahr seiner Rückkehr eine Art kathartischer Erinnerungswelle das Gedächtnis an den Zweiten Weltkrieg sowohl beleben wie vielleicht auch abschließen und fixieren würde. Trotzdem kommt sein neuer Roman "Morbus Kitahara" in einem beunruhigend passenden Augenblick, denn die Geschichte, die er entwirft, zweigt genau bei Kriegsende von der wirklichen ab. Ransmayrs Traumwelt zeigt eine schrecklich schöne Fremde, die aber unserer Welt unmittelbar benachbart ist, weil sie auf deren eigener Vorgeschichte beruht.

          Der Grundeinfall ist genial: Ransmayr zeichnet ein Mitteleuropa, in dem der (im Buch anders heißende) Morgenthau-Plan, der vorsah, daß das besiegte Deutschland deindustrialisiert und auf niedriger Kulturstufe abhängig gehalten werden sollte, Wirklichkeit wurde. Hier entsteht also eine Art Frühmittelalter, ein rebarbarisierter Zustand, in dem die Gesellschaft auf agrarische Selbstversorgung, Tauschhandel und die Ausbeutung der Hinterlassenschaften der Vorgängerzivilisation zurückgefallen ist. Inmitten dieser Steppe gibt es durch die amerikanische Besatzungsmacht Inseln jener Moderne, die wir aus unserem Leben kennen. In den Alpenlandschaften aber, in denen Ransmayrs Roman sich zum größten Teil abspielt, haust man abgeschnitten davon in verfallenden Häusern, schlachtet rostiges Gerät aus und hört von Amerika wie von einem anderen Stern.

          Die Vorzeit bleibt präsent in der Erinnerung an die Verbrechen, die von der Besatzungsmacht durch Filme, Bußprozessionen, in "Geisthäusern" und Mahnmalen wachgehalten wird. Es ist der Sinn von Ransmayrs Geschichtsutopie, einen Zustand zu entwerfen, in dem der moralische Weltuntergang, den Auschwitz - der Name fällt jedoch nie - bedeutete, auch eine physische Realität wurde. Also kein Wiederaufbau, kein Nachkriegswohlstand, keine Verwestlichung, sondern Steppe, Buße, Armut, ein Schattendasein in jedem Betracht. Der Einfall und die Ausmalung dieser Gegenwelt sind, man kann kein anderes Wort verwenden, ungeheuer.

          Die eigentliche Geschichte des Buches verlegt Ransmayr in ein Alpental mit hochsymbolischer Topographie: Der Ort heißt Moor, er liegt an einem See und wird eingeschlossen von einem Gebirge, das "Steinernes Meer" heißt. Dort gibt es einen Steinbruch, der als Lager die Stätte namenloser Greuel war, am See stehen verfallende Kurhotels und Villen. Es ist die typische Ransmayr-Welt, eine Gebirgszone aus Fels und Geröll, Eis, Schnee, Wasser und Nebel, ein Ruinenort, eine fast anorganische, nach Eisen und Rost schmeckende Welt, in der als Schattenwesen Jäger, Sammler und Tauschhändler, marodierende glatzköpfige Horden und die Gestrandeten der großen Katastrophe des Krieges leben. Eine Unterwelt.

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