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Rezension: Belletristik : Der große Fluch

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Wir befinden uns im Jahr 1377. Auf dem Balkan herrscht ängstliche Unruhe, denn die Grenzen des Osmanischen Reiches rücken immer näher heran. In Arberien (wie das heutige Albanien damals hieß) herrscht Zwietracht unter den Adligen, von denen einige bereits Vasallen des Sultans sind, während andere zum Widerstand rüsten.

          Wir befinden uns im Jahr 1377. Auf dem Balkan herrscht ängstliche Unruhe, denn die Grenzen des Osmanischen Reiches rücken immer näher heran. In Arberien (wie das heutige Albanien damals hieß) herrscht Zwietracht unter den Adligen, von denen einige bereits Vasallen des Sultans sind, während andere zum Widerstand rüsten. Da bewegt die Bewohner der Grafschaft der Herren von Gjika eine unerhörte Nachricht: Graf Stres hat einer ausländischen Gesellschaft, welche die Via Egnatia, die Europa mit dem Osten verbindende alte Römerstraße, wiederherstellen möchte, die Genehmigung zum Bau einer festen Steinbrücke über die Schlimmen Wasser erteilt. Dies gefällt den Betreibern der Fähren, die bis dahin den Transport über den gefährlichen Fluß hinweg bewerkstelligt haben, gar nicht, und sie bereiten sich zur Gegenwehr vor. Überall auftauchende wandernde Sänger prophezeien, die Wassergeister würden die ihnen angetane Schmach nicht dulden, und wirklich treten über Nacht an dem unvollendeten Bauwerk immer wieder schwere Schäden auf. Die fremden Straßenbauer, die nicht ohne Grund Anschläge ihrer Konkurrenten dahinter vermuten, suchen ihrerseits nach einer Möglichkeit, den Aberglauben der Bevölkerung für sich zu nutzen, und finden sie in der alten Balkanlegende vom Menschenopfer, das dargebracht wird, um den Bestand eines Bauwerks zu sichern. Die umherziehenden Rhapsoden ändern plötzlich ihr Thema, und tatsächlich finden die Dörfler eines Morgens einen der Ihren tot auf: Murrash Zenebisha wurde in einen der drei Brückenpfeiler eingemauert.

          Der Mönch Gjon Ukcama, der uns von all diesen Ereignissen berichtet, nimmt sich vor, der Begebenheit auf den Grund zu gehen: Hat der Eingemauerte freiwillig sein Leben hingegeben, um seine Familie in den Genuß der versprochenen Belohnung zu bringen, oder ist er einem schnöden Verbrechen zum Opfer gefallen? Der Mönch findet die Antwort nicht. Von den Grenzen des Osmanischen Reiches kommen merkwürdige Nachrichten: Des Sultans oberster Verwünscher soll über Europa einen Fluch gesprochen haben. Eines der ersten Ereignisse, von dem der Chronist der neu erbauten Brücke zu berichten hat, ist ein Scharmützel der albanischen Brückenwächter mit einem berittenen Stoßtrupp der Osmanen. Erstmals ist Blut auf die steinernen Bögen geflossen.

          Ismail Kadare verbindet in dem in Albanien bereits 1978 erschienenen Roman "Die Brücke mit den drei Bögen" eines seiner Lieblingsmotive, die Frage nach der Entstehung und Wirkungskraft von Mythen und Legenden, mit Versatzstücken aus der albanischen Geschichte kurz vor der Eroberung des Balkans durch das Osmanische Reich, und es entsteht dabei so etwas wie ein mittelalterlicher Wirtschaftskrimi, glänzend geschrieben und spannend zu lesen.

          Daneben liefert uns Kadare in dem Buch auch seine Sicht auf ein Problem, dessen fortdauernde Aktualität sich während des vergangenen Jahrzehnts deutlich genug erwiesen hat: Es geht um die Hinterlassenschaften der vier Jahrhunderte währenden osmanischen Herrschaft auf dem Balkan, um dessen Position zwischen Ost und West, zwischen Orient und Okzident. Man hat aus diesem Roman antitürkische und albanisch-nationalistische Töne heraushören wollen. Tatsächlich ist es wohl eher Kadares Anliegen, in der intellektuellen Tradition der albanischen Nationalbewegung des ausgehenden neunzehnten Jahrhunderts die Zugehörigkeit Albaniens zur westlichen, zur europäischen Zivilisation zu bekräftigen. Das Buch, darauf sei hingewiesen, ist zu Zeiten des obskurantistischen Hodscha-Regimes in Albanien entstanden, dessen Gegner und Überwinder vor einem Jahrzehnt unter der Losung "Auch wir sind Europa" durch die Straßen zogen.

          Es waren unter anderem solche eher politisch begründeten Vorwürfe an die Adresse Kadares, die bewirkt haben, daß einer der bedeutenden europäischen Schriftsteller der Gegenwart, der in allen Weltsprachen gelesen und immer wieder als Kandidat für den Literaturnobelpreis gehandelt wird, über fast zehn Jahre hinweg nur noch mit Taschenbuchausgaben älterer Veröffentlichungen auf dem deutschsprachigen Buchmarkt vertreten war. Es mag nach dem Fall des Eisernen Vorhangs berechtigt gewesen sein, auf neue literarische Fragestellungen und Antworten aus den Bunkerlandschaften in Albanien und den Trümmerfeldern im Kosovo zu hoffen, die Enver Hodscha und Milosevic hinterlassen haben. Vorerst aber bleibt Kadare, die bekannteste literarische Stimme dieser Region, noch immer die kräftigste und frischeste. Daß dieser Autor nun auch den Lesern in Deutschland, Österreich und der Schweiz wieder zu Gehör kommt, ist vor allem dem Zürcher Verleger Egon Ammann und dem Übersetzer Joachim Röhm zu verdanken. "Die Brücke mit den drei Bögen" ist ein in jeder Hinsicht äußerst lesenswertes Buch, das Vorfreude auf weitere Bücher von Ismail Kadare macht, deren Herausgabe der Ammann Verlag plant.

          Ismail Kadare: "Die Brücke mit den drei Bögen". Roman. Aus dem Albanischen übersetzt von Joachim Röhm. Ammann Verlag, Zürich 2002. 219 S., geb., 18,90 [Euro].

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