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Rezension: Belletristik : Der grobe Charme der Oligarchie

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Alfredo Bryce Echeniques Roman "Eine Welt für Julius" ist mit den Augen eines intelligenten, aber arglosen Kindes gesehen. Dennoch breitet sich ein Spektrum Perus vor dem Leser aus, das auch durch eine politisch-soziologische Analyse nicht reicher sein könnte. Julius entstammt der alten Oberschicht des Landes, das eine Aristokratie aus spanischen Kolonialzeiten besitzt.

          Alfredo Bryce Echeniques Roman "Eine Welt für Julius" ist mit den Augen eines intelligenten, aber arglosen Kindes gesehen. Dennoch breitet sich ein Spektrum Perus vor dem Leser aus, das auch durch eine politisch-soziologische Analyse nicht reicher sein könnte. Julius entstammt der alten Oberschicht des Landes, das eine Aristokratie aus spanischen Kolonialzeiten besitzt. Im neunzehnten Jahrhundert haben diese Kolonialspanier die Verbindung zum Mutterland gekappt, die Struktur der kolonialen Vizekönigreiche zerschlagen und eine Reihe von Republiken gegründet. Der Roman spielt zu der Zeit, in der die Hochlandindianer noch zum größten Teil weitab von den Städten lebten und die Weißen dort unter sich ließen. Der Konflikt zwischen Indianern und Weißen, der bis heute bürgerkriegsähnliche Zustände in Peru schafft, ist in Julius' Welt nur sehr schwach zu ahnen. Dafür spürt man deutlich, daß das alte soziale Gefüge ins Rutschen gekommen ist.

          Die Herren von Peru, die sich gerade erst von Spanien befreit hatten, sind nun unter den Einfluß der Nordamerikaner geraten, sie sind kolonisierte Kolonialherren. Es gibt nur wenige Seiten in dem Roman, in denen kein eisgekühltes Coca-Cola serviert wird, und da hilft es wenig, daß der Diener dabei weiße Handschuhe trägt. Die steinreichen peruanischen Oligarchen in ihren alten Palästen starren wie hypnotisiert auf Nordamerika. Noch herrscht das alte Ideal des herrschaftlichen Müßigganges, aber in das Verhältnis zur Dienerschaft ist eine neue geschäftsmäßige Note getreten, die zur patriarchalisch-feudalen alten Bindung zwischen Herrn und Knecht nicht recht passen will. Noch werden die Kinder in Klöstern erzogen, aber es müssen nun nordamerikanische Nonnen sein. Der an europäischen Maßstäben gemessen anachronistische Luxus der alten Familien in Verbindung mit ihrer politischen Abhängigkeit und Ohnmacht verleiht der Welt von Julius etwas Unwirkliches. Die allmähliche Auflösung dieser Unwirklichkeit, das Herauswachsen aus ihren wattigen Nebeln ist Gegenstand des ersten Romans von Alfredo Bryce Echenique.

          Der peruanische Autor Vargas Llosa hat Bryce Echenique hoch gelobt: Bryce zeichne ein Bild der "überfeinerten Welt der peruanischen Oligarchie". Für einen Europäer bedarf dieses Wort einer Erklärung. "Eine Welt für Julius" ist erfüllt von den Idealen des Machismo, die sehr weit von dem entfernt sind, was man hierzulande als "überfeinert" bezeichnet. Zum Männlichkeitskult gehört zunächst vor allem der Grobianismus. Spanien exzelliert vor allem in einem außergewöhnlichen Erfindungsreichtum derbster Flüche, die die Männerwelt gerade der Herrenschicht unablässig auf den Lippen trägt. Es scheint, als gebe es nur zwei Männertypen: den Don Juan und die Schwuchtel. Allen Männern ist die Anspannung anzumerken, vom ersteren wenigstens den Anschein zu erwecken, das letztere unbedingt zu vermeiden. In Julius' Welt gehört es zu den Männerritualen, von früh an soviel wie möglich kaputtzuschlagen und schmutzig zu machen. Das Zertrümmern von Automobilen und alten Möbeln wird bei Liebeskummer von den Umstehenden als Äußerung des zartesten Gefühls empfunden. In Julius' Klasse genießt das höchste Ansehen ein kleiner Junge, dem es gelingt, tagtäglich auszusehen, als stehe er kurz vor einem Tobsuchtsanfall. Unter den jungen Männern herrscht eine ständige Duell-Stimmung. Julius sieht keinen Anlaß, sich diesen Ritualen zu entziehen. Was ihn von seinen Brüdern und Schulkameraden unterscheidet, ist vielleicht nur die Fähigkeit und die Neigung, seine Umgebung unversehens für einige Augenblicke aus einem gewissen Abstand zu betrachten. Dieser unverwandte Blick gelangt niemals zu einer Kritik. Peru ist eben nicht das Land des "kategorischen Imperativs".

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