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Rezension: Belletristik : Der Finger am Ohrläppchen

  • Aktualisiert am

Jürgen Becker führt ein Selbstgespräch mit Jörn · Von Thomas Poiss

          Die Suche nach dem großen Roman der Bundesrepublik könnte ausgehen, wie die Suche nach der Nation bei genauerem Hinsehen verläuft: Tausend einzelne Fasern ohne festen Anfang noch Ziel, doch sichtbar gebündelt in der Schnittfläche von Landschaft, Sprache und gelebter Zeit. Jürgen Becker liefert als Lyriker und Schriftsteller seit Jahrzehnten einen der beständigsten Beiträge zu diesem offenen Gewebe, konzentriert auf die Umgebung eines Fachwerkhauses in Odenthal nordöstlich von Leverkusen und auf die Lebensspanne des 1932 Geborenen. Dieses Geburtsdatum bestimmte vorweg, daß die prägenden Jahre von Kindheit und Jugend in die letzte Kriegs- und die erste Nachkriegszeit fielen, und genau auf diese Jahre geben die Zwischenräume der Erzählgegenwart des vorliegenden Buches den Blick frei. Erzählt wird mit den Mitteln der klassischen Moderne, so daß die fragmentarische Zeitstruktur und die Bewußtseinsverspätung erinnernden Erzählens mit dargestellt wird: Der im Titel genannte "fehlende Rest" bezeichnet das, wovon in den geschriebenen Sätzen nicht oder nur indirekt die Rede sein kann, und summiert die charakteristischen Intervalle von Beckers Lebensthema.

          Wie wird nun "das Gleichzeitige, dieses Spurengeflecht aus Früher und Jetzt, das sich durch jeden meiner Tage hinzieht", sprachlich ausgeleuchtet? Jörn, ein Maler und Fotograf, kehrt bei Schneefall von einer Berlin-Reise in sein Fachwerkhaus zurück und erzählt, während er eigentlich seine Reisetasche auspacken wollte, einem fragenden und notierenden "Nacherzähler", dem das Erzähl-Ich des Buches gehört. Wie die Lichtbahnen aus den Fenstern in die Schneenacht fällt die Erinnerung aus dem modernen Fachwerkidyll in die tiefe Kindheit: Verwandtenbesuche, der Umzug nach Erfurt, die Scheidung der Eltern, eine Reise an die Ostsee, eine Verbrennung an der Hand oder auch nur ein Senfbrot tauchen aus dem privaten Dunkel Jörns, das sich in vielen Details mit demjenigen Jürgen Beckers deckt.

          Das bei Oma gegessene Butterbrot mit Senf etwa fand bereits 1974 in Beckers Prosaband "Umgebungen" Erwähnung, doch erst jetzt erkennt man seine Bedeutung. Es war eine vor den Eltern zu verheimlichende Speise, die freilich der Mutter, als sie das Geheimnis von inkonsequenter Großmutter und Enkel überrascht und dieser in "triumphalem Selbstbewußtsein" weiterißt, bloß ein Lächeln entlockt. Und schon zeigt sich das subtile Kräftespiel, das die Wirklichkeit einer Familie ausmacht.

          Ähnlich komplexe Gefühlslagen gestaltet die Erzählung von einer fernen Brandwunde. Nachdem die geschiedene Mutter und deren Schwägerin Jörn heimlich beim Aufräumen des Heims der "Pimpfe" geholfen hatten, explodierte dem ungeübten Zwölfjährigen beim Einheizen eine Streichholzschachtel in der Hand. Als der Vater die Verbrennung später im Luftschutzkeller entdeckt, verbindet sich der Stolz auf den tapfer schweigenden Sohn mit der zu verhehlenden Wut auf die Hitlerjugend zu einem jener gemischten Gefühle, die die Innenseite der Welt aufspannen. Als Jörn achtzig Seiten später in der Erzählgegenwart den Ölofen nachfüllt und justiert, verbrennt er sich an einer heißen Schraube und hält reflexartig den Finger ans Ohrläppchen - genau wie es ihm sein "Hauptjungzugführer" damals beigebracht hatte. Der Erzähler schweigt zu dieser Parallele wie Jörn zu seinen Verbrennungen.

          In diesem uneitlen Nacherzählen leuchten stille Vergangenheiten auf: das winterliche Holzsammeln auf Schiern, die Buttermilchfrau in Greifswald, die Dampflok über der Berliner Friedrichstraße. Doch ebenso verschwinden die wichtigsten Bezüge. Das Vaterhaus hat spurlos einem Einkaufszentrum weichen müssen, die kommerzielle Verwüstung und "das allgemeine Baugeschehen" lassen gerade noch einen Rest von Landschaft übrig, an dem sich die Erinnerung festhalten kann. Aber da war noch Schlimmeres. Ein nach Wasser rufender Viehwaggon in Neudietendorf mußte dem Knaben während eines Ausflugs gegen Kriegsende unverständlich bleiben. Und an Onkel Erich, den in Rußland verschollenen Maler, erinnert gerade ein Aquarell und ein Skizzenblock. Jörns "Wahrnehmungs- und Gedächtnisapparate. Kameras, Ferngläser, Kassettenrecorder, ein altes Uher-Tonbandgerät" sind wohl zu lesen als kleine Vorsichtsmaßnahmen gegen einen Verfallsprozeß, dessen krieghafte Beschleunigung auch nach dem Krieg noch töten kann, wie es das Schicksal des 1954 verstorbenen "Trümmermalers" Werner Heldt anzudeuten scheint. Er liegt auf Ischia begraben, wo Jörns Frau Lena jetzt alljährlich den Winter verbringt.

          Ganz zwanglos fügen sich die Splitter von Erinnerung in die Gegenwart der westlichen Bundesrepublik, und die artifizielle Erzählsituation erweist sich dabei als kluge Entlastungsmaßnahme. Das konturlose Ich des Nacherzählers ermöglicht Jörns Befragung seiner selbst als Figur, die gleichsam von der Seite her gesehen wird. In diesem Schräglicht zeichnet sich dann auch das Fragwürdige, Halbe und Unwirkliche unserer Gegenwart ab. Eine in Jörns Atelier herumliegende Fotografie zeigt aus niedriger Flugperspektive einen roten Trecker am Waldrand; der rote Rasenmäher wird aber von niemand anderem gelenkt als von Jörn, dem zeitweiligen "Gärtner, Ackerer, Schnitter", der als bloß halber Bauer seine eben steckengebliebene Maschine ja doch nicht selbst reparieren kann und versonnen auf die Ablenkung eines landenden Flugzeugs wartet. Denn die Fotografie entstand dadurch, daß das heimelige Fachwerkhaus in der Einflugschneise des Leverkusener Flughafens liegt. So ziehen auch während der erzählten Winternacht hörbar und bisweilen im Fenster sichtbar die Maschinen herunter, während die Reisetasche unausgepackt bleibt und die Erinnerung im eigenen Bild aufgeht: "Es schneite weiter, aber ein paar Augenblicke lang war das Licht der Scheinwerfer zu sehen."

          Jürgen Becker: "Der fehlende Rest". Erzählung. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1997. 158 S., geb., 34,- DM.

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