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Rezension: Belletristik : Der Erdmutter uralter Pflanzenschrei

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Aus dunklen Speichern: Die "Glastonbury Romance" des John Cowper Powys / Von Ingeborg Harms

          Wer schätzte nicht die alten dicken Romane, die nach dem eleganten

          Start nicht gleich zu Ende sind, sondern beflügeln und auf breiten Schwingen in launigere Welten tragen, wo verwegene Herzen schlagen, schöne Seelen sinnen, große Pläne scheitern und leise Wünsche glänzend in Erfüllung gehen. John Cowper Powys' zwölfhundert Seiten starker Roman hat circa fünfzig Figuren, und mit keiner möchte man tauschen. "Glastonbury Romance" ist eine reiche, hülsenfruchthaltige Suppe, wie man sie einst in Bauernkaten braute. Nicht nur ist unendlich viel von ihr da, es ist auch alles mögliche in ihr drin, von der Weltenschlange bis zum Telefon.

          Entsprechend schwer gerät das Ganze in Bewegung. Obwohl das nur unvollständig übersetzbare Beiwort "Romance" auf mittelalterliche Romane und das Motiv der abenteuerlichen Suche deutet, verharrt der Stoff an einer Stelle; an keiner geringeren als dem sagenumwobenen Glastonbury, der Legende nach der Ort, an dem Joseph von Arimathäa die erste englische Kirche gründete und wo sein eingepflanzter Stecken - bis die Reformation ihn ausgrub - alljährlich am Weihnachtstag sproß. Die drei Hügel, die diese Stadt in Somerset dominieren, gelten Eingeweihten als König Artus' Insel Avalon, das keltische Elysium, doch Powys wirft Atlantis mit in den Topf. Sein von skurrilen Vorgängen und Gestalten wimmelndes Buch nimmt es philologisch nicht so genau. Als selbstironisches Disneyland europäischer Mythen ist es nicht zufällig in Amerika entstanden. Auch als Vorlage zu einem Weihnachtsfilm wäre es mit seiner hohen Wunderfrequenz und den sich drängenden Elementargeistern, magischen Schwingungen, gestaltlosen Wächtern und herrenlosen Träumen zu gebrauchen: "Selbst das materialistischste Wesen muß zugeben", erklärt der Erzähler, "daß zu bestimmten Zeitabschnitten im Leben eines geschichtsträchtigen Ortes ein anormales Tummeln, Aufwallen und Toben unter den unsichtbaren, aus dem Boden aufsteigenden Elementen hochwirbelt."

          Der Ausnahmezustand ist bei Powys die Regel. Mit großer Gelassenheit und unerschöpflichem Selbstbewußtsein legte dieser 1872 im englischen Derbyshire geborene Nachfahre John Donnes der Tendenz moderner Prosa die Steine seiner Romane in den Weg, Findlinge von urzeitlicher Wucht. Bevor er zum Schriftsteller wurde, verbrachte Powys seine besten Jahre in der antiken Profession des durch die Lande tingelnden Redners. Neben britischen und deutschen Städten sind es vor allem die Vereinigten Staaten, in denen der charismatische Rhetoriker Karriere macht. Daher verwundert es nicht, daß die Hälfte seines Werkes aus literarischen Studien und philosophischen Schriften, dem Futter seiner Auftritte, besteht. Powys' erster Roman erscheint in seinem dreiundvierzigsten Lebensjahr; "Wolf Solent", der erste große Prosaerfolg, kommt 1929 zugleich in London und New York heraus. Zum Zeitpunkt der Publikation von "Glastonbury Romance" ist Powys sechzig. Seine großen Romane entstehen nach Aufgabe der Vortragstätigkeit in einem kleinen Ort in Neuengland. Ihr Gegenstand jedoch ist die Landschaft seiner Kindheit, die er anhand von an die Wand gepinnten Karten rekonstruiert.

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