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Rezension: Belletristik : Der Bürger als Feind

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Von Weimar ins Dritte Reich: Emrichs politische Sendung

          Kurt Mautz, ein Schüler Adornos aus der Zeit vor 1933, hat in seinem jüngst erschienenen Roman "Der Urfreund" (Igel Verlag, Paderborn 1996) die Geschichte eines intellektuellen Verrats erzählt: Ein sprödes, fast kunstloses Werk, das aber in der akademischen Germanistik beachtet werden wird. Denn Mautz' Erzählung ist sofort als Schlüsselroman erkennbar.

          Die Freundschaft des Gymnasiasten Ernst Ronge mit dem begabten Studenten Friedrich Kreifeld, der ihm enthusiastisch von den Seminaren Paul Tillichs und Adornos erzählt - im Roman "Paulus" und "Amorelli" -, steht am Anfang der Geschichte. Gemeinsam kämpfen die beiden in der Roten Studentengruppe gegen die Nazis. Bald aber beginnt Kreifelds Mutation vom linken Studenten zum NS-Germanisten, zunächst in unmerklichen Anpassungen an die herrschende Sprache des Biologismus, dann in rabiaten antisemitischen Pamphleten. Kreifeld ist einer, der offenbar stets den geltenden Ton zu treffen weiß, ob er nun bei Amorelli beflissen Protokoll führt oder sich zehn Jahre später über die Gefahr des jüdisch-marxistischen Materialismus verbreitet.

          Seine Geschichte wird als Wissenschaftskomödie eines immer wieder umgeschriebenen Goethe-Buches erzählt: Zunächst ist es eine Dissertation bei Amorelli zum Thema "Allegorie und Symbol beim späten Goethe", dann eine kulturrevolutionäre Flugschrift mit dem Titel "Abschied von Weimar", in den dreißiger Jahren wird daraus die braun eingefärbte Habilitationsschrift "Das Mythische bei Goethe", die schließlich Ende der vierziger Jahre mit Ronges Hilfe noch einmal umredigiert werden soll. Spätestens hier merkt, wer mit der Fachgeschichte vertraut ist, von wem die Rede ist. Der in der Nachkriegszeit angesehene Germanist Wilhelm Emrich war ebenso wie Mautz Student in Adornos Seminar, Mitglied der linkssozialistischen SAP und der Roten Studentengruppe. "Die Symbolik von Faust II. Sinn und Vorformen" ist der Titel seines bekanntesten Buches, das 1943 zuerst erschien und mit wenigen Veränderungen 1957 und 1964 wieder aufgelegt wurde. Wie man aus Rezensionen und Festschriftbeiträgen erschließen möchte, waren Mautz und Emrich eng befreundet. Emrichs autobiographischer Rückblick, der in den sechziger Jahren erschien, deckt sich im Skelett der Daten mit der Vita Kreifelds.

          Emrichs Bibliographie allerdings, die Rainer Wagner 1975 veröffentlichte, wies Lücken auf. Sie lassen sich nun anhand des "Urfreunds" schließen. "Der Einbruch des Judentums in die deutsche Wissenschaft", von Kreifeld angeblich 1943 publiziert, entspricht dem mit "W. Emrich" gezeichneten Aufsatz "Der Einbruch des Judentums in das wissenschaftliche und fachliche Denken" in der Zeitschrift "Das deutsche Fachschrifttum" (Heft 4 - 6, 1943). Selbst nach den Maßstäben der Zeit ist der Aufsatz das Dokument einer großen Gehässigkeit. Die Wissenschaften werden auf den jüdischen Einfluß hin geprüft. Zur Medizin stellt Emrich fest: "Da das Judentum . . . das gesamte öffentliche Gesundheitswesen durch eine geschickte Personalpolitik in Händen hatte (neunzig Prozent der Krankenhäuser und öffentlichen Gesundheitsinstitute der Stadt Berlin waren durch jüdische Ärzte betreut), waren die praktischen Auswirkungen auf die öffentliche Hygiene verhängnisvoll."

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